Bei „Ray of Light“ kullern die Tränen. Da wird mir bewusst, dass das schon mehr als 20 Jahre her ist, dass ich dieses Madonna-Lied während des Studiums rauf und runter gehört habe. Und weitere 20 Jahre, dass ich als Schulkind zu ihren 1980er-Jahre-Popsongs herumhüpfte. Madonna, part of my life. Jetzt turnt diese ikonische, zum Gesamtkunstwerk gewordene Person – wenige Monate nach ihrem Aufenthalt in der Intensivstation – umgeben von faszinierenden, schillernden Settings und zahllosen, perfekt kostümierten, tänzerisch-akrobatischen Menschen über die spektakulär inszenierte Bühne. Ihre Show ist eine Erzählung über ihr Leben, ein fulminantes Fotoalbum ihrer Karriere, und auch eine Hommage an Michael Jackson findet ihren Platz. Madonna wirkt so zerbrechlich auf der Bühne inmitten des irrsinnigen Sound-, Szene- und Videospektakels und steckt doch voll umwerfender Power.
Madonna kommt gegen 22 Uhr auf die Bühne, man erschrickt fast, zu gemütlich hat man sich im Plaudern, Gucken, Wer-holt-die-nächste-Runde-Getränke eingerichtet, da wird es plötzlich dunkel – und ACTION! Das Konzertende geht ähnlich abrupt von Statten – emotional und mental bin ich noch völlig abgetaucht in die Phantasiewelten, da verschwindet Madonna im Bühnenboden, und noch ist nicht die letzte Haarsträhne nicht mehr sichtbar, der letzte Ton kaum verhallt, da geht – zack – das Licht an. Um mich herum stehen alle auf. Ich bin völlig überfordert, weil ich irgendwo bin, aber nicht mit meinen Sinnen in meinem Körper in dieser jetzt wieder sehr profanen, kalten, kahlen Lanxess-Arena, in der vom sprühenden, funkelnden Madonna-Glitzer-Pomp-Universum, das hier gerade noch die Realität war und zum schwebenden Aufenthalt einlud, nichts mehr übrig ist.
Madonna und ich in den 1980ern, das war Liebe auf den ersten Sound und Blick. Hier das Dorfmädchen auf der Suche nach Role Models außerhalb der schwäbischen Engstirnigkeitskleinkariertheit, dort die provozierende Femme fatale, die sie damals gegeben hat, in der Rolle der Marilyn-blonden, Frau gewordenen Lack-und-Leder-Fantasie, die den Blow Job besingt. Mit Madonna, ihrer Unangepasstheit, ihrer Wandelbarkeit und ihrer „Hey, ich kann mir auch als Frau nehmen, was ich will“-Attitüde als Orientierungspunkt kam ich durch meine Lebensstationen als Teenager, junge Frau und ich war und bin ihr dafür sehr dankbar. Sie hat sich über die Jahrzehnte musikalisch immer wieder neu erfunden, jeweils mit den gerade angesagten Produzenten zusammengearbeitet, den Stil gewechselt, die nächste Persona und dazugehörige Welt kreiert, weitergemacht. Es ist legendär, wie sie für ihre neuen Alben einfach immer die gerade hippen Jungs anruft, hey, dude, it´s Madonna, lass uns mal Musik zusammen machen. Die dann auflegen, weil sie es für einen Witz halten. Aber es ist halt Madonna, und die ruft dann nochmal an.
Madonna hat mit ihren Sex- und Macht-Posen, in den 1980ern und 90ern oft garniert mit Symbolen, Ritualen und Insignien der katholischen Kirche – schließlich ist sie Madonna – provoziert. Dadurch hat sie immer dafür gesorgt, dass sie im Gespräch blieb. Beruflich. Privat nicht, sie hat Kinder bekommen und adoptiert, sich Toyboys genommen, aber, hey, sie ist, denkt man an Michael Jackson, Whitney Houston und was es ansonsten an Mega-Stars in den 80ern gab, diejenige, die noch lebt und sich 2023 in Topform im silberfarbenen, hautengen Bodysuit auf der Bühne räkelt. Ein paar ihrer Kinder sind auch irgendwo im bunten Pulk mit auf der Bühne und musizieren, tanzen und machen mit.
Weil das alles nicht skandalös genug ist, reicht es bei Madonna auch im Jahre 2023 noch, sich ästhetisch-plastisch operieren zu lassen, um zur Zielscheibe von Häme und Hass zu werden. Wieso sollte ausgerechnet Madonna ihren Körper und ihr Aussehen nicht mit Hilfe von operativen Eingriffen optimieren? Es ist die Kunst-Figur Madonna. Es ist ihr Körper, ihr Geld, wieso soll sie sich Falten und den anderen Zerfallmurks so antun, wie Leute wie ich das müssen, weil die Kohle fehlt? Wenn sie sich straff, glatt und ihrem Perfektionismus auch äußerlich folgend ohne das Altersstigma besser fühlt? Würde ich auch so machen. Es hat mich außerdem, danke, Madonna, unfassbar getröstet, in meinem Sumpf der entzündeten und nicht funktionierenden Knie durchs Leben stakend, dass auch sie, die große, übermenschliche Supersexfrau, bei ihrem Auftritt über lange Strecken eine Knie-Orthese trug. An ihr sah das mit Korsagen und Strumpfhaltern drum herum regelrecht aufreizend aus.
2015 war ich auch bei der Queen of Pop, und noch immer ist sie die Heroine der Queer- und Gay-Community, einmal stand sie auch diesmal mit der Queerfahne auf der Bühne und machte in einem „No Fear“-Part allen Mut, sich selbst und ihre Sexualität auszuleben. Ach, Madonna! Bleib ein, bleib mein „Ray of Light“.



Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.