Damit hat sich die Queen of Pop gestern Abend von ihrem Publikum in Köln verabschiedet. Madonna darf das. Mehr als zwei Stunden geballte Madonna-Power auf der Bühne, ein irre aufwendiges Setting, Wahnsinns-Sound, Top-Tänzer, fantasievolle Kostüme und eine sehr entspannte, lockere Protagonistin machten diesen Abend zu einem der magischsten meines Lebens. Lange, lange ließ das Idol, das mich durch die Jahrzehnte begleitet, ihre Fans warten. Mehr als zwei Stunden. Zum Glück kam der mit Sekt-Ausschank-Bauchladen bewappnete Zeitgenosse öfter des Weges. Zwei Stunden Zeit, Mitmenschen, Umsitzende, Arenapublikum zu betrachten. Viele homosexuelle Männer im Publikum, und viele Frauen in meinem Alter. Heterosexuelle Männer sind nicht so die Zielgruppe. Der ältere Mann drei Sitze weiter hat ein Opernglas dabei. Vermutlich, um an der partiell leicht bekleideten Madonna ein paar mehr Details in Augenschein nehmen zu können. Oder um sich damit zu beruhigen, dass sie von Nahem vielleicht doch nicht mehr so jung ausschaut wie auf Distanz. Die homosexuellen Männer tragen großflächig die für 40 Euro angebotenen Tour-Shirts. Ich bin zu knickerig. Auch 15 Euro für eine Rebel-Heart-Tasse mag ich nicht zahlen. Und eine Tasse passt irgendwie nicht zu Madonna, dieser konstant gegen Moralvorstellungen und sexuelle Restriktionen ansingenden Popsirene. „Schatz, Käffchen ausm Bitch-Becher?“ – „Njoh.“ Geht nicht. Also keine Konzert-Souvenirs außer denen im Kopf. Als Madonna zum ersten Track auf die Bühne kommt, vielmehr: einschwebt, in einem Käfig von oben einschwebt, muss ich fast weinen. Die Frau, deren Lieder ich schon als Kind im Adria-Urlaub nachhopste und -trällerte, ist plötzlich zum Greifen nah (es hat sich gelohnt, sehr viel Geld für nah an der Bühne gelegene Tickets auszugeben.) Der Ehemann sitzt neben mir und muss nicht fast weinen. Ganz und gar nicht. Überhaupt ist er emotional sehr viel weiter weg von der ganzen Geschichte, die sich uns darbietet, und während bei mir die Person, die Musik und die Gefühle Wellen der Begeisterung und des Glücks auslösen, die mich noch durch den nächsten Tag tragen (meine Kollegen erkennen mich nicht wieder), sagt der Mann nach dem Konzert, beim halbstündigen Im-Auto-Rumwarten im Parkhaus: „Aber die Show war schon ganz cool.“ Ich bin begeistert von dieser Frau, die es schon innerhalb von zwei Stunden schafft, in so viele verschiedene Rollen zu schlüpfen, und alle kauft man ihr ab, von Bitch bis Biedermeier. Dabei bleibt sie vollprofimäßig locker, schäkert mit dem Publikum, bietet mit 360-Grad-Perfektion ihre Choreographie, Show und ihren Gesang dar. Madonna kann mit baumelnden Beinen am Bühnenrand sitzen und mit ihrem Gitarren-Geträller an Nicole mit „Ein bisschen Frieden“ erinnern und zehn Minuten später im knappen Glitzerdress Pornoposen inszenieren. Und es funktioniert. In diesen zwei Stunden ebenso wie auf die Jahrzehnte übertragen, in denen sie ihr Aussehen, ihren Stil, ihre Musik immer wieder neu erfunden und Trends gesetzt hat. Diese Frau darf niemals aufhören, ihre Musik und ihre Show zu machen. Auch wenn es niederträchtige Frauenhasser gibt, beispielsweise bei der Süddeutschen, die megafiese Artikel über diese Ausnahmekünstlerin schreiben.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.



Nachdem ich nun gestern bei Spiegel online und heute im Bonner General-Anzeiger die Besprechung des Köln-Konzerts von Madonna gelesen habe, ist diese hier nun die emotionalste und auch en détail am feinsten beobachtete. Glückwunsch, Frau Harmuth, das macht richtig Spaß zu lesen! Vor allem das Gedankenspiel des Bitch-Bechers ist grandios und macht deutlich, dass Ihre Madonnenverehrung irgendwo auch Grenzen hat.
Lieber Ingo, danke für die Blumen. Äh, Bitches.