Ganz unverfänglich, mit „Radierungen“ von Pablo Picasso, entstanden wenige Jahre vor seinem Tod, kam das Museum Ludwig in Köln mit einer Ankündigung von Zeichnungen um die Ecke. Der Nachbar und ich bogen um selbige am Rhein entlang, im Rahmen eines Spaziergangs zum Museum, um die Werke in Augenschein zu nehmen. Oh! Ah! Huh! Wow! Die Radierungen entpuppten sich als orgiastische, in pornografischer Detailversessenheit gezeichnete, überwältigende Ansammlung von gestapelten, gehäuften, in- und übereinander liegenden Monsterbrüsten und haarigen Megamösen. Ein so nicht erwartetes, spannendes Sex-Spektakel am beschaulichen Sonntagnachmittag, zu Papier gebrachte Phantasien en masse, Pferdepenisse inklusive. Unverhofft kommt halt echt oft, auch der Porno-Pablo.
Bäm! Beim Eintreten in die kleinen Sonderausstellungsräumchen werden der Nachbar und ich direkt erschlagen: von femininen Geschlechtsteilen und -merkmalen, von elaboriert ausgearbeiteten Anus-Sternchen von ihr Hinterteil darbietenden käuflichen Damen, von skurrilen Sexphantasien, die mit Pferden, bewusstlosen Frauen, bärtigen Seemännern und der männlichen Irrvorstellung zu tun haben, dass Frauen im Bordell aus Spaß und Freude an der körpersäfteorientierten Ertüchtigung sehnsüchtig auf die „Kundschaft“ warten. Fast auf jedem Bild in der Ecke steht und schaut, gemalt oder auch nur angedeutet, das Alter Ego „Degas“, Pablo Picasso in der Rolle des als Voyeur inszenierten großen künstlerischen Idols seines Schaffens. Manchmal steht die Figur auch nicht blass skizziert mit Kragen, Hut und Frack am Rand, sondern als feister Maler mit dickem Pinsel (is klar soweit) im Zentrum des Geschehens. Am Ende der Ausstellung begegnen wir dem Alter Ego in Form des „alten, impotenten, lüsternen Mannes“, den Picasso mit in die Szenerie gezeichnet hat.
Mit der Darstellung des Weiblichen ist der Künstler nicht knauserig, das Männliche hingegen verschwindet in Andeutungen. Pinsel, Schwerter, Degen, Lanzen, Stangen werden da gehalten. Der einzige erigierte Penis, der auszumachen ist, gehört zu einem Pferd in einem dieser sexstrotzend durcheinanderwuselnden Bilder. Darbietungen der Wolllust, nackte, auf Pferde geschnallte Frauen, ein „bärtiger Seemann“, der immer wieder auftaucht. Ins Orgiastische zerfließende Gruppensexszenen. Das fehlende oder mickrig zerschrumpelnde männliche Geschlechtsteil mag der Künstler in den „Radierungen“ so angeordnet haben, um nicht der Pornographie zugeordnet zu werden. Überhaupt verstörend, dass das Weibliche auch in heutiger Lesart in aller Deutlichkeit dargestellt werden kann, das Kriterium für Pornographie dann aber der erigierte Penis ist. Das zeugt von der Kragenweite unserer gesellschaftlichen Entwicklung.
Es ist interessant, dass Picasso in den letzten Jahren vor seinem Tod, 1973 ist er gestorben, in dieser Serie „Suite 156“ wahnhaft aus seinem Inneren, aus seinen Phantasien auszuspeichern und wild zu Papier zu bringen scheint, man sieht den Stift regelrecht fliegen beim Betrachten, was sich wohl über Jahrzehnte in ihm angesammelt und dort gearbeitet haben mag. Zwischen den rauschhaften Radierungen, die oft im Bordell oder in zirkusähnlichen Arrangements spielen, hängen eine Handvoll Bilder einer afghanischen Künstlerin, die Esel mit sexuellen Konnotationen malt. Sexpferde bei Picasso, Sexesel bei Kubra Khademi. Esel seien das sprachliche Bild afghanischer Frauen, um sich über Sex unterhalten zu können, lerne ich qua Aushang. Ich rätsele darüber, was der kackende Esel aussagt. Eine Hommage an die Koprophagie? Den Marquis de Sade hätte es gefreut. Die Esel haben leicht ins Disneymäßige überdrehte Gesichter. Am meisten der auf dem Kunstwerk: „A Donkey being proud of his Dick“. Dieser Bildtitel und der irre Blick des Esels sagen eigentlich alles aus, was der vielfältigen Misere und den schlimmen Krisen zugrunde liegt, die Menschen im Jahr 2023 weltpolitisch umtreiben. Vielleicht hängt das Bild deshalb in der Mitte der Ausstellung.

Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.