Zwei Täler, drei Wetter, fünf Tage

Schwarzwald. Damit verband ich bis vor Kurzem: Opas Verwandtschaft, endlose Sonntagnachmittage meiner Kindheit bei Besuchen eben jener in dunkel verschatteten Ortschaften, Kaffee und Kuchen bei grummelnden Großonkeln mit anschließendem Besuch des Grabes der Uroma. Dann fuhr ich, um Jahrzehnte älter, im Mai noch einmal hin, zum Wandern auf dem Zweitälersteig. Und es war so schön, dass ich bestimmt wiederkehre.

Der Zweitälersteig im Hochschwarzwald ist eine fünf Etappen umfassende Rundwanderung von und nach Waldkirch bei Freiburg. Man lernt das Simonswälder Tal und das Elztal kennen. Von oben, denn der Wanderweg führt hoch hinaus, hat man teils das eine Tal zur Linken, das andere zur Rechten, und wandert auf einem Grat inmitten wunderschöner Landschaften mit herrlichen Aussichten. Ja, da kann man nicht genug schwärmerische Adjektive benutzen, so ist es wirklich. Dabei hatten der Mann und ich mit zwei Dingen gar nicht so viel Glück, die es zum Wanderhochgefühl braucht: Wetter und Knie. Als wir in Waldkirch ankommen, ist es grau, stürmisch und verhangen. Und der Mann hat Knie, bestreitet die ersten Etappen mit dem Auto statt zu Fuß. Ich zockele alleine durch den schwarzen und stillen Wald, nur der Wind, vielmehr Sturm, macht Geräusche, und all das Brausen, Knacken, Krächzen und Heulen treibt mich flotten Schrittes über die Höhen.

Steil ist es oft auf dem Zweitälersteig, aber die Mühen lohnen. Die Tourenbeschreibung nutzt öfter das Wort „Waldeinsamkeit“, das an sich schon zutrifft, wenn man den ganzen Tag unterwegs ist und bis auf einen Waldarbeiter keine einzige Menschenseele trifft. Keine lebendige zumindest. Tote Seelen gibt es bestimmt viele in den schluchzenden, seufzenden Waldwinkeln, die ich durchschreite. Noch viel mehr trifft es zu mit der Einsamkeit, wenn mal wieder das übliche Wandereinkehrdilemma greift und von den laut Beschreibung mehrfach vorhandenen Gaststätten auf der Strecke keine einzige geöffnet hat. Dieses Schweigen im Walde hatte ich dann nicht auch noch erwartet. Allein auf der Aussichtskanzel oberhalb von Oberprechtal, dem Kapf, in der nicht geöffneten Wanderschänke, probiere ich immerhin verschiedene der vielen leeren Sitzbänke aus und blicke aus verschiedenen Winkeln ohne Apfelschorle und Kaffee ins schöne Tal. Den Berggasthof auf dem Kandel, den man gleich zu Beginn der Mehrtagestour von Waldkirch aus erklimmt, haben der Mann und ich bei unserem Aufenthalt für uns allein. Aufgrund des dichten Nebels, der mir das letzte Stück meiner ersten Etappe erschwert, findet außer uns Pflichtgästen niemand freiwillig den Weg dort hoch. Der Kandelwirt scheint froh über Gesellschaft, vielleicht ist es doch oft einsamer dort oben, als ich mir vorstelle, oder die Saison dieses Jahr lief noch nicht so gut, dass er im Mai noch Lust hat, ausgiebig mit Gästen zu plaudern. Beim Abendessen und am nächsten Morgen beim Frühstück lernen der Mann und ich sehr viel über die Funktionsweise von booking.com und über Niederländer, die grundsätzlich zu spät anreisen.

Mit jedem Tag wird das Wetter ein bisschen besser, und zum Ende hin ist es zwar immer noch windig, aber der Himmel ist blau, die Sonne scheint und die Vögel zwitschern wieder. Auf den letzten beiden Etappen ist der Mann dabei, die verlaufen weniger anstrengend als die Anfangsetappen, und wir treffen eine wunderschöne, sich kontaktfreudig ans Bein werfende Katze mitten im Wald, bei der ich mich heute noch frage, ob sie wusste, wo sie war und vor allem, wo sie wieder hin musste. Es häufen sich die geschlossenen Einkehren, aber das kenne ich jetzt ja schon und finde mich damit ab, dass ich bei meiner Tourenplanung von Donnerstag bis Montag eine hohe Ruhetagsquote erwische. Unüblich zwar, ist es doch rund ums Wochenende, aber der Schwarzwald hat eben immer noch seine Geheimnisse. Und die (Kuckucks-)Uhren gehen wohl anders.

Wilde Wolken, weite Blicke und waldige Höhen: unterwegs auf dem Zweitälersteig

Harmuth vor Kandel: Der Berg am Horizont ist ein 1000-Höhenmeter-Einstiegskracher gleich auf der ersten Etappe.

Vor lauter beeindruckenden Aussichten bloß nicht die Zweitälersteig-Markierung aus den Augen verlieren

Allein auf dem Kapf, und keiner am Zapf…hahn

Der Zweig rechts oben stört ein bisschen – unbearbeitete Natur
Was isst die Harmuth nach anstrengenden Wanderungen im Schwarzwald? Na, eine Schwarzwälder Kirschtorte natürlich! Die hier hatte so viele Schichten, dass sie gleich liegend serviert wurde.