Gestern Abend wurde ein dichter Gitarrenteppich von Westen her über Köln ausgerollt, festgenagelt auf einem fetten Bassbrett: Metallica traten im Rheinenergie-Stadion auf. Vor Jahren war ich im Berliner Olympiastadion bei Depeche Mode, und diese Stadienkonzerte – mehrere Zehntausend Menschen feiern synchron die Künstler auf der Bühne – sind schon etwas ganz Besonderes.
Als Metallica auf die Bühne kommen, gibt es kein Warm-up oder sanftes Reinkommen. Vielmehr brettern die Jungs los, es bleibt keine Zeit, auch nur Luft zu holen. Der Eröffnungssong ist schnell, getrieben und hart, und sofort sind die Fans bei der Sache. Im zweiten Song wird in den Reihen vor mir schon aufgestanden. Und ich sitze weit oben und weit hinten. Die Musik peitscht und treibt, Stillsitzen unmöglich. Metallica feiern ihr Publikum, das Publikum feiert Metallica. So wird es über Stunden bleiben. Feuerwerk und Pyrotechnik inklusive. Ich lerne: Metallica-Fans sind treu und textsicher (bis auf mich, die Einzige unter 45.000) – es gibt Songs, die das Stadion komplett mitsingt. Echte Gänsehaut-Momente, auch für die Künstler. Die sind sichtlich angetan von ihrem Kölner Publikum, bringen zwischendurch eine Metallica-Version von „Viva Colonia“ – die Stimmung kocht.
Zwischendurch würde ich am liebsten die Augen geschlossen halten, mich in den Gitarren- und Basswellen verlieren und weit, weit raus treiben lassen – aber das geht schließlich immer, ohne dass die Band direkt gegenüber auf der Bühne performt, wofür man viel Geld bezahlt hat. Also: Augen auf, Harmuth. Es lohnt sich. Ich wünsche mir, dass dieses Konzert nie zu Ende geht. Musik hat so viele Kräfte, öffnet Schleusen, rührt, berührt, trägt durch Jahrzehnte, Raum und Zeit – vorausgesetzt es gibt die Band lange genug. Bei Metallica ist das glücklicherweise so. Zwischendurch bin ich 16, stecke im Oberstufenstress, finde Metal gut, werde von den harten Jahrgangsjungs, die mit „Sepultura“- und „Slayer“-Shirts hinten in Klasse und Bus rumhängen und in der Pausenhofecke rauchen, aber natürlich überhaupt nicht ernst genommen. Von diesen Shirts sehe ich viele im Publikum, zum Teil auch als zeithistorisch überdauernde Textiloriginale aus den 1980ern und 90ern, wie im einen oder anderen Fall tatsächlich auch der jeweilige Träger des T-Shirts. Männer, die seit Jahrzehnten so aussehen, wie sie aussehen. Mit ausgerissener Jeansweste, Aufnähern und Stickern, blond gesträhntem Mähnen-Vokuhila und Schnäuzer, mit dünnen, in Stretchhosen gesteckten Mikado-Beinchen. Ich überlege, ob es besser gewesen wäre, wie diese Metaljünger nicht nur gelegentlich wie bei einem solchen Mega-Konzert eine Zeitreise zu unternehmen, sondern das komplette Leben als Zeitreise zu gestalten. Offenbar hätte man auch mit dem Style und Setting der frühen Neunziger erfolgreich bis heute überdauern können.
Heute, hier und jetzt, sind wir dann alle über Dekaden hinweg wieder eins – zumal Metallica schon zu Beginn des Konzerts die Devise ausgegeben hat: „Let´s do some old stuff!“ Da finden sich alle wieder. Und es funktioniert natürlich. Und, mein Gott, die Jungs spielen so gut, ich kann zwischendurch kaum glauben, bei einem Live-Konzert zu sein. Metallica liefern live so gut ab wie das wahrscheinlich andere noch nicht mal im Studio hinbekommen. Die Jungs machen mich glücklich. Sie legen einen Schalter in meinem Inneren um. Es wummert in Herz und Seele. Metallica, rock on.
Update: Es gibt Momente, in denen verstehe ich, warum wir Deutschen oft unbeliebt sind in der Welt. Die GEMA hat Metallica nach ihrem Auftritt in Köln 7000 Euro in Rechnung gestellt. Für das Minütchen „Viva Colonia“. Haste Töne. Kurz nachzulesen etwa beim Rolling Stone.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.