Life Changing Spinning

Neulich las ich von LCS: Life Changing Sex. Ich kannte weder die Abkürzung noch würde ich mir sprichwörtlich über Nacht von Geschlechtsorganen mein Leben über den Haufen werfen lassen. Ich hoffe es zumindest. Was aber für mich viel besser zur Abkürzung LCS passt, ist: Life Changing Spinning.

Stunde um Stunde auf einem Rad, das sich trotz intensiven Tretens kein Stück von der Stelle bewegt, drumherum nicht wie beim echten Radfahren Wiesen, Wald und Wind um die Nase, sondern dröhnende Techno-Bässe und johlende sowie extrem schwitzende Mitmenschen – das ist Spinning. Und wer es nicht nach den ersten zehn Minuten liebt, wird nichts damit anfangen können. Wer allerdings direkt vom Spinning-Virus infiziert wird, der kann für Jahre oder gar Jahrzehnte nicht davon lassen. Und Leidenschaft verbindet: Viele Freundschaften und Bekanntschaften sind dank meiner mittlerweile acht Jahre dauernden beinstählenden Freizeitgestaltung entstanden.

Beim Spinning gibt es durch die extreme Körperlichkeit – man schwitzt, man stinkt, man schreit – keine große Distanz wie sonst im Leben zwischen Menschen, die sich nicht kennen. Sprichwörtlich kommt man sich schnell näher. Und oft erlebe ich Überraschungen, welcher Beruf oder welche Persönlichkeit hinter dem Mann oder der Frau steckt, mit denen ich über Jahre hinweg unzählige Stunden in hautengen Wurstpellenplastikoutfits und muffigen Spinningräumen verbracht habe. Der Job ist selten Thema. Oft verabredet man sich zu Spinning-Events, die das Jahr über von unterschiedlichen Veranstaltern an allen möglichen und unmöglichen Orten ausgetragen werden (am spektakulärsten waren bislang für mich die Balver Höhle, ein ehemaliger Flugzeug-Hangar in Den Haag und die Bingener Fähre Mary Roos).

Anfang Juli fand ein solches Event in Bad Homburg statt: Spinning im Park. Mitten im Kurpark, auf der Konzertbühne, stellt der Veranstalter ein paar Dutzend Spinningräder auf und acht Stunden lang ist Disco mit Treten. Das samstägliche Bad Homburger Kur- und Spazierpublikum ist dabei für die Aktiven auf der Bühne mindestens genauso spannend anzuschauen wie umgekehrt. Auf der Bühne hämmern die Beats, vor der Bühne hebt ein sehr alter Herr seine Beine hüftsteif zum Rhythmus. Seinen Gehstock lehnt er an die Parkbank. Vielleicht hat er eine wilde Ibiza-Vergangenheit? Fragen kann ich ihn nicht, denn in der nächsten Pause ist er nicht mehr da. Gegen Abend schlappt ein vergleichbar betagtes Ehepaar mit Klappstühlen heran. Mitten auf der Wiese vor der Bühne, neben dem imposanten Denkmal für Kaiser Wilhelm I., stellen sie ihre wackligen Stühle auf, nehmen Platz und verfolgen zwei Stunden lang die Spinning-Darbietung. Da das Sportevent innerhalb des „Bad Homburger Kursommers“ stattfindet, halten die beiden das Programm sicher für eine Art modernes Impro-Konzert. Der Herr klopft der Herzensdame an seiner Seite unter dem hochgeschobenen Sommerrock im Rhythmus auf den Oberschenkel, sie lächeln beide und applaudieren in den Erholungsphasen der Spinning-Strampelnden. Mit zusammengeklappten Sitzen zockeln sie später lächelnd Hand in Hand durch die Kurparkdämmerung davon.

Ich halte acht Stunden lang durch – mein persönlicher Rekord. Ab der dritten Stunde spürt man in der Regel durch endlosen Endorphintaumel ohnehin nichts mehr außer Beat, Flow und dem Abtauchen in eine Art Trance. Später, im Hotel, auf ein paar Treppenstufen zwischen Eingang und Rezeption, schaut das dann allerdings völlig anders aus. Aber bei Life Changing Experiences darf man eben nicht zimperlich sein.

Happy, happy, happy – auf meinem schönen Schatten-Spinning-Rädchen bei sommerlichen 30 Grad im Bad Homburger Kurpark. Foto: Udo Lünzer/GNP Sports.

Feel the energy! Foto: Udo Lünzer/GNP Sports.