Nach Jahren bin ich mal wieder auf dem Rheinsteig unterwegs. Ich hatte vergessen, wie sehr es auf diesem Dino der Etappenwanderwege in stetem Wechsel bergauf und bergab geht. Freundin Iris schnauft an meiner Seite und wir erleben gemeinsam ein buntes Potpourri an geschlossenen Einkehren, die eigentlich geöffnet haben sollten, verpassten Tourhighlights und Tratsch am Wegesrand.
Der Zug ist pünktlich, aber voll. Ich muss den Sitzplatz für die Freundin, die später einsteigen wird, mit allen Bandagen verteidigen. Als wir in Bad Hönningen losgehen, schaut der Himmel grau und massig auf uns hernieder, aber binnen weniger Stunden herrscht strahlender Sonnenschein. Wieder wäre die kurze Hose die bessere Option gewesen. Aber wer blickt da schon noch durch, bei diesem Wetter, wo ich zwei Tage zuvor noch mit Winterjacke und Mütze unterwegs war?
Der Rheinsteig scheint aus der Mode gekommen. Es ist überhaupt nichts los. Zu Zeiten, in denen ich regelmäßig auf seinen Etappen unterwegs war, konnte man gar nicht mehr zählen, wie oft man stehenbleiben musste, um Gegenverkehr und/oder Überholer vorbeizulassen, johlende Wandergruppen zu umschiffen, wie enttäuschend oft die Ankunft an Aussichtspunkten oder Bänken war, da immer belegt bis belagert – an diesem Samstag auf dieser Etappe jedenfalls haben wir allen Platz der Welt, niemand macht uns Haltepunkte und Aussicht streitig. Wir marschieren munter voran, im stetigen Gesprächsfluss, wie dies nur zwischen befreundeten Frauen möglich ist. Bergan w-ir-d… d-ie…… G…….espr……ächs…..fr……e…..qu……..e…….nz etwas gestört durch das Bedürfnis, zu Atem zu kommen. Wir bleiben an Einfamilienhaus-Gartenzäunen spingsend stehen, phantasieren uns in Häuser und Gartenanlagen hinein, die uns gefallen, lästern über kitschige Garagenüberbauten-Glaspaläste, die uns nicht gefallen. Außer osteuropäischen Gartenbaujungs mit schweren Maschinen sehen wir allerdings niemanden in diesen teils romantischen, teils übertrimmten Grünanlagen. In Rheinbrohl kommen wir mit einer Oma ins Gespräch, die in ihrem Garten herumwurschtelt und, wie ihr dann im Erzählen plötzlich einfällt, schon genau 50 Jahre in diesem ihrem Häuschen lebt mit ihrem jetzt pflegebedürftigen Mann. Klammheimlich schleicht sich schweigend die betagte Viererwandertruppe vorbei, die wir lange vorher hinter uns gelassen haben. Wie kann das sein? Nun, die reden nicht und die sind vermutlich nicht an sprichwörtlich jedem Gartenzwerg stehengeblieben.
In Hammerstein sind sehr viele Einkehren angeschlagen. Wir sind zuversichtlich, dass wenigstens eine davon uns bewirten wird, und wie so oft beim Wandern und Einkehren zerschlägt sich alles. Der Winzer, der den halben Wald auf dem Weg nach Hammerstein mit seinen Schildern gepflastert hat, auf denen zu lesen steht, er öffne um 13 Uhr, lädt gerade Wein in den Kofferraum eines Kundenautos, als wir um 13.07 Uhr bei ihm anlanden. Wir stehen hinter Winzer, Weinkiste und Kofferraum und werden ignoriert. „Haben Sie geöffnet?“ – „AB 14 UHR!“, schnarrt der Winzer und schaut uns noch nicht einmal an. Kurz habe ich den Impuls, mich mit in die Hüften gestemmten Armen unterm Kofferraumdeckel zu platzieren und auf die fehlerhafte Beschilderung des kompletten Waldes hinzuweisen, lasse es aber sein. Weiter zur nächsten Einkehr. Dort gibt es eine abgeriegelte Terrasse und viele wuselige Menschen, die eine Weinprobe vorzubereiten scheinen. Also weiter. Bei der dritten Einkehr schaut alles sehr verschlossen aus, das einzig Lebendige sind im Wind baumelnde Socken und Unterhosen auf der Wäscheleine. Geöffnet ab 15 Uhr. Gut, das übliche Einkehrleid des Wanderers. Freundin Iris und ich lassen uns zu Füßen der Socken, sozusagen, nieder, packen Käsebrot, Nüsse und Apfelschorle aus und führen derart offene Frauengespäche, dass, sollte den Einkehrbesitzern in den Sinn kommen, uns zu hören, vermutlich Herz und Atem stocken.
Nun kommt eines der Highlights der Etappe: der Aufstieg zur Ruine Hammerstein. Wir stapfen, schnaufen und schwitzen den Hang hinauf – ein Hoch für eine kurze Hose, wieso um alles in der Welt habe ich dieses Jahr beim Wandern immer das Falsche an – und wundern uns irgendwann, schon wieder locker bergab ausschwingend, dass wir gar keine Ruine gesehen haben. Beim verwirrten Umdrehen schaut zu unserer Rechten und deutlich über uns hämisch ein Felszahn ebenjener von oben auf uns herab. Mist. Wir haben wohl ein Schild, einen Abzweig oder womöglich alles zusammen übersehen. Nochmal hinauf wollen wir aber auch nicht. Also Ruinenblick von unten und weiter geht´s. Wir lassen uns beim Pinkeln am Wegesrand von einem Wanderer erschrecken, scheitern fast an einem Wildgatter, das wir nicht aufbekommen, bestaunen Blumen und schlittern irgendwann zur ersehnten Einkehr, dem Naturfreundehaus Edmundhütte oberhalb von Leutesdorf, hinunter. Nie schmecken Kuchenstücke so gut wie während Wanderungen. In Leutesdorf machen wir eine kleine Zeitreise und setzen uns auf die Rheinterrasse vom Leyscher Hof – aufgrund der uralten Linden und des Biergartenambientes ist man nach einmal Blinzeln im Jahr 1954 und trägt einen Petticoatrock. Dieser schöne, ein Viertel Riesling währende Moment ist leider nicht von Dauer, man tritt wieder aus dem Biergarten heraus, findet sich im Bahnverkehr des Jahres 2019 wieder. Die Bahn hat einen dieser Bahntage, weder rechts- noch linksrheinisch fährt ab Bonn irgendetwas weiter. Menschenmassen knubbeln sich auf dem Bahnsteig. Ich hätte im Naturfreundehaus, spätestens jedoch im Leyscher Hof einfach sitzen bleiben sollen. Für immer. Riesling hätte es genug gegeben, und vielleicht hätte irgendwann auch jemand einen Petticoatrock vorbeigebracht. Oder eine kurze Hose.
| Schönste Aussichten auf der Edmundhütte Leutesdorf |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.