Es ist kurz vor elf am Dienstagabend. Der Mann vom Schlüsseldienst beginnt, mit einem Hammer auf mein Türschloss einzudreschen. In der Wohnung über mir schlagen die Hunde an. Meine Nerven liegen bereits seit anderthalb Stunden blank, als ich vor einem durchdrehenden Türschloss feststellte, ohne professionelle Einbruchshilfe nicht mehr in meine Wohnung zu kommen. Bis ein Uhr wird die Aktion dauern und außer mir alle Nachbarn in meiner Wohneinheit und die der beiden daneben liegenden wachhalten.
Um halb zehn abends stehe ich also wie ein Häufchen Elend vor der Tür meines Nachbarn gegenüber, der mit mir mein Leben teilt, seit ich vor zwei Jahren in meine nacheheliche Neustartwohnung gezogen bin. In dieser Wohnung gibt es Kobolde, die mit diesem Neubezug nicht einverstanden waren. Im gemütlich-muffigen Siffschmuddel, den die beiden zuvor hier gemeinsam installierten alten Damen bereitet hatten, haben sie sich offensichtlich wohler gefühlt als bei Mrs. Single-Superclean. Deshalb machen sie mir dauernd was kaputt. Noch vor drei Wochen musste das völlig abgestorbene Steuerungselement für die Fußbodenheizung getauscht werden (Reaktion Hausmeister: „MELANIE!! WAS MACHST DU???“) und Frau Harmuth hatte nach Rückkehr aus dem Urlaub erstmal mehrere Tage im wahrsten Sinne kalte Füße. Der Witz ist: Ich mache eben – nichts. Ich wohne. Sonst mache ich gar nichts. Es sind die Kobolde.
Der Schlüsseldienstmann hämmert sich die Seele aus dem Leib, ihm rinnt der Schweiß herunter. Aus den Nachbarhäusern trudeln WhatsApps ein. „Sag mal, wer HÄMMERT denn da bei euch? Bescheuert?!“ Die Nachbarinnen und Nachbarn aus den anderen Wohnungen in meinem Haus schauen vorbei auf meiner Etage. Unterschiedlich gut gelaunt. Von: „WAS MACHEN SIE DENN DA????!!!“ bis „Hey, ihr könnt doch ohne mich hier keine Party feiern! Soll ich ein Fässchen holen?“ ist alles dabei. Meine Reaktion ist aber konstant die gleiche: Ich bin immer kurz davor, in Tränen auszubrechen. „Es tut mir so LEID! Der Schlosszylinder ist kaputt. Ich komm nicht in meine Wohnung.“ Mein Nachbar legt immer gleich pflichtschuldigst nach: „Das kann uns allen passieren, da kann sie gar nichts dafür! Das ist Materialermüdung, die Schlösser werden altersschwach!“ Bei den in unserer Anlage verbauten Hochsicherheitstrakt-Fort-Knox-Schlössern ist ein zerstörter Zylinder die denkbar schlechteste Nachricht. Im Laufe der Zeit kommen deshalb, weil das Hämmern nicht wie gewünscht das ausgerastete Teil zum Einrasten bringt, noch die Flex und die Bohrmaschine zum Einsatz. Ich stehe vor meiner Wohnungstür in einem Funkelflammenrieselmeer, fühle mich an Silvesterraketen erinnert und stelle fest, dass ich das so eigentlich gar nicht erleben wollte.
Als ich nach Stunden endlich wieder in meiner Wohnung stehe, mache ich für den Schlüsseldienstmann, meinen Nachbarn, der treu die Stellung an meiner Seite gehalten, Tee für mich gekocht, mich mit weiteren Klamotten versorgt und mein Wimmern sowie das Genöle der Nachbarn geduldig ertragen hat, den Grappa auf. Ich trinke gleich zwei. Falls jemand jemanden kennt, der sich wiederum mit Kobolden und deren Beseitigung oder Beschwichtigung, vielleicht kann man ja auch friedlich mit ihnen koexistieren, auskennt, bitte in den Kommentar schreiben. Es kann so nicht weitergehen.
Am nächsten Tag bin ich, immer noch auf Adrenalin und Endorphin, im Büro. Da die Wohnanlage meinem Arbeitgeber gehört, hat man es bei vielen der Nachbarinnen und Nachbarn auch mit Kolleginnen und Kollegen zu tun, unter anderem die mit den Hunden über mir. So ist die nächtliche Aktion natürlich auch auf dem Flur Thema. Die Kollegin mit den Hunden erzählt, sie habe von dem Lärm erstmal gar nichts mitbekommen. Als ihre Hunde immer lauter wurden, habe sie dann doch mal im Flur nachgeschaut. Der eine Hund ist ein ganz pflichtbewusster und weist immer auf alles Mögliche hin. Der andere macht dann mit, weil er immer das nachmacht, was der Chef vormacht. Der Anzeige-Hund guckte also erwartungsvoll sein Frauchen an, als die dann nach geöffneter Wohnungstür im Flur-Höllenlärm stand. Sie hörte meine Stimme inmitten der Hämmerorgie und erklärte ihrem Hund: „Das ist nur die Melanie!“ Woraufhin dieser schweigend in die Wohnung zurückkehrte. Noch nicht mal mehr Hunde nehmen mich ernst.
Später am Tag meldet sich bei dieser Kollegin dann ein Freund. Ob bei ihr alles in Ordnung sei? Er schickt einen Insta-Screenshot mit. Der Schlüsseldienstmann hat in der Nacht eine Story hochgeladen, auf der unser Hauseingang nebst Adresse und Briefkasten-Namensschildern zu sehen sind. Er schreibt, wieso müssen solche Einsätze immer nachts sein, endlich Feierabend, und setzt ein Totenkreuz und Heul-Smiley dazu. Der Freund meiner Kollegin ist besorgt, weil er das so interpretiert, dass bei ihr im Haus eine Tote aus der Wohnung geholt und dafür die Tür aufgebrochen werden musste. Es wird immer besser. Jetzt bin ich also schon tot! Den Kobolden würde es vielleicht gefallen.

Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
…wäre ich Kobold, würd ich auch gern bei Dir leben Mellilli welch wundervolles Dasein, jetzt gönn denen doch ihren Spaß….
Oh Shit so etwas, aber du hast ja den Humor dennoch nicht verloren… :-))
liest sich echt „lustig“ Frau Harmuth 🙂 auch wenn ich Deine innere Stimmung fühlen kann…..versuch es mit Honig und Schokolade für die Trolls….oder doch ne andere Wohnung??? Du tust mir echt leid. L. G. Conny