Stress am Setsass

Südtirol, mein Sehnsuchtsort. Damit war ich noch nie allein, und in den letzten Jahren bin ich damit noch weniger allein. Am Abend vor meiner Anfahrt schaute ich eine Reportage von 2022, in der es darum geht, dass Südtirol der Geister in Form von Touristen, die es rief, nicht mehr Herr wird. Ich bin 2023 mittendrin.

In der Reportage erzählt der Bergführer, der Terence Hill in der italienischen, überirdisch populären TV-Serie „Un Passo Dal Cielo“/“Die Bergpolizei – Ganz nah am Himmel“ doubelt, die am Pragser Wildsee spielt, die Serie, die der Region Fanes-Sennes-Prags in den letzten Jahren zum exponentiell gestiegenen Tourismuswachstum verholfen hat, zusammen mit dem Unesco-Label als „Welterbe der Menschheit“ für die Dolomiten, er erzählt, dass er sich das niemals hätte vorstellen können. Diesen Boom. Zumal er jetzt kaum noch Leute findet, die ihn wie in Zeiten vor der Serie für eine Bergtour buchen. Den Leuten, die an den Berg wollen und dafür durch die Massen durch, an diesen vorbei müssen, ist das zu unattraktiv. In der Reportage zieht der Bergführer mit seinen Kundinnen an einem Regentag los, um freie Wege zu haben.

Mein Reiseführer – die gedruckte Variante – ist auch schon ein paar Jahre alt. Die Setsass-Rundtour wird dort beschrieben als still, leer und nicht begangen, weil alle lieber direkt die populären Berge, die man vom Setsass aus ringsum sieht, besteigen. Ich merke schon keine drei Minuten, nachdem ich an meiner Pension losgefahren bin, der Startpunkt der Tour ist nicht weit, dass das nicht mehr stimmt. An mir schlängelt sich auf der Straße zum Valparolapass, wo an der gleichnamigen Hütte der Einstieg zur Rundwanderung ist, eine Autokolonne vorbei. Morgens um 9 Uhr wohlgemerkt. Eine Viertelstunde später an der Hütte finde ich kaum noch einen Parkplatz. Davon schon reichlich demütig gestimmt, sehe ich kurz vor mir an der Hütte eine gigantisch große italienische Menschenmenge in den Rundwanderweg einbiegen. Was tun? An dieser Riesentruppe – 90 Personen, wie sich herausstellen wird – komme ich allein niemals vorbei. Ich habe keine Lust, schon an Tag 1 alles über den Haufen zu werfen, und gehe los. Irgendwann wird hinter mir jemand auftauchen, mit dem ich zur Überholung ansetzen kann. So ist es dann auch, in Form einer Familie aus Bologna. Wir schlängeln uns durch die Riesengruppe hindurch, an ihr vorbei und wagen waghalsige Manöver am rutschigen Hang, denn natürlich gibt es die üblichen Leute, die einen nicht vorbeilassen wollen. Als wir es endlich geschafft haben und an der Spitze des Trecks auch am Guide vorbei sind, bin ich nassgeschwitzt. Nicht vor Anstrengung, sondern vor Stress. Ich gehe ein langes Stück durch die Felsen weiter und weiter und weiter, obwohl mir die Gelenke sagen, PACK DIE STÖCKE ENDLICH AUS! Aber ich traue mich nicht stehenzubleiben. Erst als ich von der endlosen, bunten Raupe mit italienischem Idiom nichts mehr höre und sehe, halte ich an, trinke eine Flasche leer und greife zu den am Rucksack befestigten Stöcken. Zu spät. Für den Rest des Tages tut irgendwie alles weh.

Überhaupt ist den Tag über alles anstrengend. Ich lasse sogar die Hüttenoption aus, unvorstellbar, aber die extra Kilo- und Höhenmeter sind nach dem Setsass-Gipfel, immerhin mit fantastischem Dolomiten-Panorama-View, nicht mehr drin. Stattdessen lasse ich mich zwischendurch einfach, als der Weg von felsig zu Almwiesengras wechselt, ein paar Meter entfernt in eben jenes fallen und strecke alle Viere von mir. Immerhin auch da: herrliche Aussicht am Hang liegend. Das babylonische Sprachengewirr – Italienisch, Französisch, Deutsch, Amerikanisch – auf dem Weg ein paar Meter weiter einfach ausblenden oder Kekse essen, das ist laut genug im Kopf, dass man nix anderes mehr hört.

Selten war ich so glücklich, direkt nach Schlusseinkehr auf der Valparolahütte einfach nur ins dort parkende Auto plumpsen zu können. Vor mir fahren Hotelshuttlebusse.

Blick vom Setsass auf die Marmolata. In alle Richtungen herrliches Panorama da oben.
Die Dolomiten sind einfach wunderschön. Das finden eben sehr viele Menschen, die dorthin und darin herum fahren und gehen!
Start- und Schlusspunkt: die Valparolahütte
Vielleicht der Hexenstein, vielleicht auch nicht. Bergbezeichnungen rauschen durch mein Gehirn wie Sand durch ein Sieb.