Wien. Wie lange war ich nicht dort? Jedenfalls viel zu lange. Und jetzt nicht lange genug da. Mein Aufenthalt dauerte nur drei Tage. Die allerdings sind voller Gegensätze, vom Rammstein-Konzert im Ernst-Happel-Stadion mit 70.000 Menschen und dem furiosen Flammenspektakel mit gedärmdurchwalkenden Gitarren- und Bassgewummer, über Schloss Schönbrunner Glorietten-Café-Idylle bis hin zum Klavierflügel-Grab von Udo Jürgens auf dem Zentralfriedhof.
Mitten im Overtourism-Trubel am Stephansdom treffe ich mein Bruderherz, und nur zwei Ecken weiter, zwischen den teuren Boutiquen, ist es in den zusammengewachsenen Cafés Korb und Délia angenehm still und beschaulich. Wir verplappern den verplätschernden Nachmittag, so dass der eigentlich vor dem Rammstein-Konzert noch geplante kleine Stadtrundgang mit Beislbesuch entfällt.
Kulinarisch ist die Wiener Stadionkost noch 1970er Jahre, Würstelbuden gibt es und trockene Brezeln. Im Berliner Olympiastadion beim Depeche-Mode-Konzert vor wenigen Wochen war das woker, da gab es Falafel- und Halal- und weiß Gott was für Stände. Hier in Wien also Käsekrainer für den Bruder und trockene Brezel für mich.
Die Band holt viele ihrer 1990er-Jahre-Kracher raus, veräppelt mit einer „Kraftwerk“-Parodie ihren „Deutschland“-Song und lässt es ansonsten bollern und brennen wie immer. Ebenso wie Depeche Mode merkt man ihnen aber an, dass sie eben doch schon Anfang 60 sind und alles an so einer Riesentournee anstrengt. Till Lindemann machen vielleicht auch die schweren Vorwürfe gegen ihn zu schaffen, er schleppt sich noch theatralischer über die Bühne als eh schon immer. Die Sperma-Kanone hat er bei dieser Tournee dann doch Gott sei Dank weggelassen, den auf einem Riesenpenis reitenden Frontmann hätte man wohl wirklich nicht sehen mögen. Andererseits ist Lindemanns Ego groß genug, dass man während des Auftritts der Vorband junge, langhaarige Mädels im Bühnenunterbau herumspringen und mit ihm posieren sieht. „Von wegen keine Row Zero!“, stellt einer der vier schweren Jungs in der Reihe vor mir fest.
Später werden diese vier Männer bei „Zeit“ weinen, sich gegenseitig tröstend auf die Schulter klopfen und Taschentücher reichen. Auch das Bruderherz neben mir weint bei „Zeit“. Offenbar trifft Rammstein bei diesem Song ins männliche Epizentrum der Midlife-Crisis. Dafür macht sich der Bruder beim Rauswerfer „Adieu“ über mein Gewinke lustig. „Eh, Schwester, hier schwenken alle nur einfach den Arm, und bei dir sieht es irgendwie aus wie ne Yogaübung.“
Nach dem Konzert landen wir nach doch noch entdeckten Pommesbuden auf dem Prater, wie viele andere Konzertbesucher. Wie bei Depeche Mode tragen alle Schwarz. Ich trinke sehr schlechten Weißwein, und das wird die nächsten Tage nicht wesentlich besser werden. Sollte ich nach Wien auswandern, Memo an mich, auf jeden Fall Weißwein importieren.
Als Bruder und Schwester mitten in der Nacht aufbrechen Richtung Unterkunft, ist die U-Bahn-Station Praterstern verschlossen. Wir rütteln an diversen Türen, weil wir es gar nicht glauben können, dass in einer europäischen Hauptstadt erstens nachts die U-Bahn nicht fährt und zweitens die Haltestellen abgesperrt werden. Ist aber so. Wir fahren Taxi. „U-Bahn-Betrieb in der Woche bis null Uhr dreißig“, informiert der Taxifahrer. Mein Bruder, der ein noch größerer Quatschfloh ist als ich, und das will was heißen, quatscht sich mit dem Taxifahrer einmal um die Welt und zurück nach Wien, bis wir in Simmering aussteigen.
Simmering ist so ein Stadtgebiet, in dem die Gentrifizierung beginnt, die Einheimischen und Urtümlichen zu verdrängen, aber es ist noch deutlich vor dem finanzstarken Umbruch und dementsprechend nicht ganz so gemütlich. In meinen Hamburger Jahren lebte ich in Bahrenfeld, das war damals, 2006, ähnlich. Im Umbruch. Dauernd hatte jemand in den Hauseingang geschissen oder gekotzt und wenige Jahre später war alles hip, schick und teuer und die kaputten Drogis waren woanders. In Wien sehe ich in Simmering junge, bärtige Männer mit Waffen und total zugecrackte Männer in meinem Alter und versuche, unsichtbar, wie Frauen um die 50 werden, an ihnen vorbei zu schleichen. Gelingt nicht immer. Offenbar bin ich noch nicht vollständig in den Unsichtbarkeitsmodus transzendiert.
Tagsüber lasse ich mich bruderlos, der ist schon wieder weg, am Wochenende Kilometer um Kilometer durch die Stadt, ihre Viertel, Cafés, Kaffeehäuser, Beisln und Museen treiben und finde die Stadt, die Menschen und die Orte unfassbar entspannt. In deutschen Städten ist es ungleich stressiger und hektischer. Ich will in Wien bleiben. Diesbezüglich bin ich immer noch acht Jahre alt, ich will immer dort bleiben, wo nicht der Alltag mit seiner Härte und Hölle aus unzähligen Pflichten und Ärgernissen ist.
Stundenlang latsche ich durch die Albertina mit ihren zahllosen Werken und verschiedenen Ausstellungen, lasse mich von Wiener Schmäh-Kellnern in den Kaffeehäusern ebenso anraunzen wie von den Kölner Köbessen, diesbezüglich ist man aus Köln kommend sehr gut vorbereitet, bin beeindruckt davon, dass das Museumsquartier spätabends so ein cooler Space für junge Leute ist, aber eben entspannt und ganz und gar nicht zugemüllt. Ich denke ans Belgische Viertel in Köln, das einfach nur vollgepisst und zerlegt wird im Vergleich. Auf dem Weg zum Flughafen renne ich mit dem Rollkoffer noch am Grab von Udo Jürgens auf dem Zentralfriedhof vorbei, der ist auch in Simmering. Allein für diesen Friedhof werde ich einen ganzen Tag einplanen, Besuch in der dort ansässigen Konditorei Oberlaa, für die ich diesmal keine Zeit mehr habe, inklusive, wenn ich wiederkehre, nach Wien. Und das darf keinesfalls so viele Jahre dauern wie jetzt, wo seit dem letzten Besuch bestimmt 15 Jahre vergangen waren.






Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.