Zug um Zug

Es kann manchmal eine große Herausforderung sein, mit der Deutschen Bahn überhaupt und dann auch noch in guter Verfassung irgendwo anzukommen. Meistens sind Verspätungen und verpasste Anschlüsse der Killer, aber diesmal geriet ich auf der Fahrt von Köln nach Berlin in einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum rund um meine Bahncard.

Zu Depeche Mode will ich. Nach Berlin. Ins Olympiastadion. Es leben jetzt schon nur noch zwei von ehedem drei DMs, die Freundin in Berlin und ich waren über die Jahrzehnte schon öfter auf Konzerten von ihnen, es muss definitiv nochmal sein. Die Jungs sind Anfang 60, wer weiß, wie viele Tourneen es noch geben wird. Außerdem YOLO und so. Ich freue mich auf ein vibrierendes Olympiastadion, eingetaucht in den Sound der frühen 1990er, der mir mein beengtes und beschränktes Leben im schwäbischen Dorf erheblich erträglicher gemacht hat. Mit Texten, die mein Teenager- und später Studentinnendasein bereicherten, mein Englisch aufpolierten und die Songs vorgetragen mit einer Stimme, die mich noch heute dahinschmelzen lässt. Sobald Dave Gahan den ersten Ton anschlägt, ist Frau Harmuth hinüber, hin und weg. Auch mit Ende 40 ist das noch so, und beim ersten Atemzug von Dave Gahan auf der Bühne sind all die Mühen der Anreise vergessen. „Harmuth melting away“, stellt meine Freundin fest.

Der Zug, der mich eigentlich nach Berlin bringen sollte, ist aus dem Fahrplan geflogen, ich suche mir einen anderen. Der soll um 9.30 Uhr am Kölner Hauptbahnhof losfahren. Als mich um 9.27 Uhr die Rolltreppe mit Proviant und guter Laune am Bahnsteig ausspuckt, sehe ich: die Schlusslichter des offensichtlich früher abgefahrenen Zuges. Wie sich herausstellt, wurde dessen Abfahrt in Köln spontan von 9.30 Uhr auf 9.20 Uhr geändert. Davon wusste die App aber nichts und somit ich auch nicht. Die Abfahrt um 9.27 Uhr war dann wohl einfach die übliche siebenminütige Verspätung, schade, dass es nicht doch noch bis 9.30 Uhr gereicht hat.

Dem davonfahrenden Zug hinterherblickend, verharre ich für einen sehr einsamen und sehr stillen Moment am Bahnsteig. Es gilt sich zu konzentrieren, denn es ist klar, ab jetzt wird es nicht mehr besser, sondern man wird eine rundum improvisatorische und eher stressige Zugfahrt haben, weil mit der Verbindung nichts mehr zum anderen passt. So steige ich erstmal in einen verspäteten Regionalexpress, um in Hamm den in Köln zu früh gestarteten ICE, der am Koppelbahnhof Hamm lange herumstehen wird, wieder einzuholen. Da der Regionalexpress seine Verspätung auf der Strecke zuverlässig kontinuierlich ausbaut, wird auch das sehr knapp, aber ich schaffe es dann in den verbleibenden knapp zwei Umsteigeminuten noch, in Hamm in den ICE zu hechten.

Bei der Fahrkartenkontrolle kurz hinter Hamm mache ich einen Fehler. Ich spreche den Zugbegleiter darauf an, dass der ICE in Köln zu früh losgefahren ist und ich deshalb eine abenteuerliche Regionalverkehrsfahrt absolvieren musste, anderthalb Stunden Einhalten wegen zwei gesperrter Toiletten inklusive. „Ihre Bahncard bitte“, lautet seine Antwort. Damit beginnen nervenaufreibende und sehr telefon-, gesprächs- und klärungsintensive Stunden für mich. Und für diverse meiner Kolleginnen und Kollegen, die ich freitagmittags zum Glück erreiche. Kurz gefasst ist das Problem, dass der Zugbegleiter darauf besteht, dass eine private Bahnfahrt mit der dienstlichen Bahncard, auch wenn sowohl der Arbeitgeber als auch die Deutsche Bahn das akzeptieren und sogar aktiv bewerben, nicht mit dem privaten Bahnaccount gebucht werden kann, sondern nur mit dem dienstlichen.

In einem Menschenleben voller Bahnfahrten lernt man, dass es wenig Sinn ergibt, mit Zugbegleiterinnen und Zugbegleitern zu diskutieren. Wenn es schlecht läuft, schmeißen sie einen aus dem Zug. Also bitte ich den gestrengen Bahncard-Business-Oberkorrektheits-Begleiter, mir Zeit zu geben, um das zu klären. Das macht er. Ich telefoniere insgesamt anderthalb Stunden mit Kolleginnen, Kollegen, dem Bahncard-Service der Deutschen Bahn hin und her und drücke zwischendurch eines meiner beiden Smartphones dem vorbeieilenden Zugbegleiter in die Hand – schließlich kann er sich auch direkt mit seinem Kollegen vom Bahncard-Service darüber auseinandersetzen, ob die von der Deutschen Bahn geduldeten Grauzonen-Buchungswege in dem Gebiet zwischen dienstlicher Bahncard und privatem Bahnaccount nun mit der von ihm zitierten neuen Dienstanweisung für Zugbegleitende, dies zu ahnden, kompatibel sind oder nicht.

Ich lege mich so ins Zeug, weil es um richtig viel Geld geht. Herr Zugbegleiter besteht darauf, dass ich in meinem privaten Bahnaccount nur mit einer privaten Bahncard buchen kann. Es gibt dort halt keine Möglichkeit, die dienstliche Bahncard auszuwählen. Umgekehrt kann ich bei meinem Arbeitgeber keine privaten Fahrten buchen. Laut seiner Dienstanweisung ist in solchen Fälle der volle Fahrtpreis nachzuzahlen. Das ist bei einer Fahrt von Köln nach Berlin in der ersten Klasse eine ziemliche Menge Geld, und ich habe wenig Lust, das zu bezahlen, mir über Monate mühsam zurück zu erstreiten und im Großen und Ganzen in die Röhre zu gucken. Zumal ich ja sowohl ein gültiges Ticket als auch eine gültige Bahncard besitze und deshalb nicht damit einverstanden bin, die Fahrt nochmals und dann auch noch für viel mehr Geld zu bezahlen. Mein Kollege, der für unsere Dienstreisen zuständig ist, sagt am Telefon: „Melanie, bevor er dich aus dem Zug schmeißt, zahl´s. Wir holen uns das zurück.“

Letztlich scheint es so zu sein, dass der Zugbegleiter recht hat. Das Verfahren ist nicht ganz koscher, aber weil die Deutsche Bahn mit ihren Business-Bahncards, die sie bei allen möglichen Arbeitgebenden unters Volk bringt, viel Geld verdient, wird es bislang toleriert. Während ich telefoniere, hetzt der Zugbegleiter mehrfach mit wechselndem Equipment und einer zunehmenden Anzahl an Schweißperlen auf der Stirn an mir vorbei. Schrubber, Lappen, Eimer, Karton – ich fürchte, es gab einen Magen-Darm-Unfall oder eine verstopfte Toilette. Er wirkt immer gestresster. Nachdem er mit dem Bahncard-Service telefoniert hatte und noch zweimal mit Lappen an mir vorbeigerannt war, bleibt er abrupt vor mir stehen und sagt: „Wissen Sie was? Vergessen Sie´s. Vergessen Sie´s einfach.“ Mir fallen fast meine zwei Telefone aus der Hand. „Ich führe dieses Gespräch wie mit Ihnen zwar 15-mal am Tag, aber wir vergessen das jetzt einfach.“ Ich bin sehr erleichtert, dass mein Konto verschont bleibt und falle dem verschwitzten Zugbegleiter einfach um den Hals. Ich hatte sehr viel Stress mit dieser Situation, da entlädt sich praktisch abrupt die Erleichterung in einer Umarmung. Damit wiederum ist endgültig das Eis gebrochen und der Zugbegleiter bleibt für den Rest der Fahrt nach Berlin noch ein paar Mal entspannt plaudernd an meinem Platz stehen. „Wissen Sie, was mein Kollege vom Bahncard-Service am Telefon zu mir gesagt hat? Das kann ich Ihnen eigentlich gar nicht erzählen.“ Ich kaue gerade auf einem Stück Brezel, morgens um 9.25 Uhr am Kölner Bahnhof unten an der Rolltreppe gekauft, und schaue ihn erwartungsvoll an. „Entspannen Sie sich mal, hat der gesagt, entspannen Sie sich mal.“ Wir schauen uns an. Ich denke kurz, welch schlimmes Ende die Situation vermutlich genommen hätte, hätte ich diese Sätze ihm gegenüber ausgesprochen. Ich nicke stumm kauend.

Auf der Rückfahrt von Berlin nach Köln passieren dann wieder nur die üblichen Bahnsachen, die man kennt, die mich dann nicht aus dem Konzept und aus der Ruhe bringen. Technischer Defekt, Klimaanlage fällt bei 32 Grad aus, Signalstörung, 30 Minuten zusammengefahrene Verspätung trotz pünktlichem Start. Von all diesen Dingen ist wenigstens mein Girokonto nicht betroffen. Und mein Reisekostenkollege will prüfen, ob wir nicht private Fahrten auch über unser Dienstreiseprozedere buchen können. Mich würde es mit Blick auf künftige Bahnreisen deutlich entspannen.

Ist zwar nicht die große Schwester Deutsche Bahn, aber auch die kleine im Bunde, der öffentliche Nahverkehr, ist immer für Überraschungen und Nicht-Informationen zu haben.