Rheinsteig Tropicál

Der Weg – anderthalb Rheinsteig-Etappen von Rheinbrohl nach Rengsdorf – beginnt wie eine Szene aus dem Schlaraffenland: Von links, rechts und oben ragen Zweige, üppig mit Zwetschgen und Mirabellen behangen, mund- und pflückgerecht auf den Rheinsteig herein. Davon mache ich gerne Gebrauch und warte auf heranfliegende gebratene Hähnchen. Als Veggie hätte ich von denen zwar nicht viel, aber ich könnte eins für den Mann fangen. Der ächzt und keucht triefend neben mir her und könnte augenscheinlich Stärkung gut gebrauchen. Das liegt nur zum Teil daran, dass er schwitzt, es hat vielmehr seine Ursache in den Witterungsverhältnissen an diesem Samstag Anfang August: Tropische Regengüsse und Luftfeuchtigkeit prägen diesen Morgen.

Warm ist es schon, als wir um Viertel vor neun in Rengsdorf in den Bus steigen, der uns nach Neuwied und die Bahn von dort zum Startpunkt der Wanderung nach Rheinbrohl bringen soll. Als wir im Bus sitzen, fallen die ersten Tropfen, als wir in Rheinbrohl aus der Bahn steigen, regnet es in Strömen. Das Café Schmidt, das uns Google Maps empfiehlt und das wir vom Bahnhof aus ansteuern, um dort den Regen abzuwarten, hat Betriebsferien. Eine Radlerin pedaliert hämisch grinsend an uns vorbei, warum, verstehe ich nicht, schließlich wird sie auf ihrem Fahrrad auch ordentlich nass. Also ohne Café Schmidt durch den Regen munter los auf den Rheinsteig.

Nachdem der Regen aufgehört hat, wird es dunstig. Schwer hängen die Wolken in den Tälern, in den Baumkronen, auf dem Rhein. Es tropft und ist feucht-warm. Und es fühlt sich an wie ein Tag im Dschungel, das nasse Grün um uns herum lässt auch daran denken. Schwang sich gerade ein Affe an der Liane da vorn vorbei? Überraschen würde es mich nicht an diesem Tag. Die beiden großen Schafherden, mit ein paar versprengten Ziegen und Schweinen darunter, sind jedenfalls real. Später reißt der Himmel auf und die Sonne brennt, die Luft flirrt. Die Mischung aus feuchten Zweigen und Hitze erinnert an Wenik-Aufgüsse in der Sauna – ach, Corona, wie lange ist das eigentlich schon her?! Ein Wenik-Aufguss in der Sauna, dicht gedrängt, schwitzend, tropfend und keuchend, Handtuch an Handtuch mit Dutzenden wildfremden Menschen? Ach, wilde Zeiten waren das vor Corona. Kinder, Kinder, könnt ihr euch nicht vorstellen, ohne Timeslot, ohne Maske, ohne Abstand und ohne Hygienekonzept hat man einfach seine Flip-Flops und den Bademantel abgelegt und ist reingelatscht in die Sauna, um sich irgendwie irgendwo dazwischenzuquetschen. Wildes, geradezu animalisch enthemmtes Aerosol-geladenes Geschnaufe und Geächze gehörte zum guten Ton, gerade bei Aufgüssen. Und der Zeremonienmeister hat mit Fächern und Tüchern den ganzen Aerosol-Cocktail nochmal exzessiv an allen vorbeigewirbelt. Total verrückt!

Auf dem Rheinsteig ist es leer an diesem Tag. Außer herbeiphantasierten Urwaldaffen, den Schafherden und ein paar Spaziergängern am Nachmittag ist nicht viel los. Leider auch nicht bei unserer Standardeinkehr auf dem Rheinsteig, wenn man es irgendwie mit Leutesdorf zu tun hat: das Naturfreundehaus oberhalb des Ortes auf einem Felsvorsprung, mit optimaler Sicht auf den Geysir von Andernach auf der gegenüberliegenden Rheinseite. Wo sonst rote Sonnenschirme fröhlich flattern und schattige Bierbankplätze, kühle Getränke und selbstgebackener Kuchen locken, herrscht gähnende Leere auf der Terrasse und das Büdchen ist verrammelt. Noch nicht mal der Geysir gegenüber lässt sich blicken. Ein Aushang der Betreiber informiert darüber, dass man vorhabe, „wenn diese für uns alle schlimme Corona-Situation vorbei ist“, spätestens im Mai wiederzueröffnen. Da ist augenscheinlich Stand Anfang August irgendetwas richtig schief gegangen.

Wir finden später auf der Strecke dafür eine unerwartete Einkehr, im Wasserpark Feldenkirchen, einer Art Bachplansch-Kinderfreibad mit wasserspeiender Krake und angeschlossenem Kiosk. Den betreibt ein älteres Paar, Wanderer haben freien Eintritt, können ihre Wasserflaschen auffüllen und es gibt köstlichen selbstgebackenen Kuchen. Als ich der resoluten Kiosk-Kuchen-Königin mitteile, dass ihr Kuchen besser schmeckt als in so manchem Café, erzählt sie, dass sonntags die Leute vom Ort ihren Kuchen nicht beim Bäcker, sondern bei ihr holen. Das glaube ich sofort, das würde ich nämlich auch so machen.

2019 habe ich, unterwegs mit Freundin Iris, auf diesem Rheinsteig-Abschnitt den Abzweig zur Ruine Hammerstein verpasst. Es ist mir ein Rätsel, wie das passieren konnte, denn der Wegweiser weist nicht nur, er stellt sich förmlich in den Weg. Diesmal, mit dem Mann, biege ich also ab – und bin enttäuscht. Macht gar nix, dass wir letztes Jahr dran vorbei gelatscht sind, die Ruine ist nicht so imposant, wie sie von unten vermuten lässt. Vielleicht war das schon so zu Zeiten, als die Ruine noch eine Burg war? Ein paar Windungen weiter wundere ich mich einmal mehr über die Mentalität der Menschen – ein rotes Schild, angebracht am Wegesrand inmitten einer Art wild und ausartend wuchernder Bambus-Plantage in einem an den Wanderweg angrenzenden Garten, mahnt: „Hände weg vom Bambus! Keine Selbstbedienung!“ Es drängen sich Fragen auf. Etwa die, weshalb die Verursacher dieses Bambus-Wirrwarrs am Wegesrand nicht froh sind, wenn der eine oder andere Bambushalm mitgenommen wird, schließlich ist dem Wildwuchs augenscheinlich nicht beizukommen. Oder die, ob die Besitzer den Bambus nur nicht gratis abgeben, sondern vielmehr verkaufen wollen? Betreiben sie vielleicht einen gut florierenden Online-Bambushandel und können ihr Rohmaterial deshalb nicht von vorbeipilgernden Wanderern schmälern lassen? Und zuletzt natürlich: Wieso um alles in der Welt sollte ich, wenn ich auf dem Rheinsteig hier vorbeikomme, Bambus abschneiden und mitnehmen? Ein paar drei Meter hohe Pflanzen in den Rucksack und weiter geht´s? Hat sich hier vielleicht mal ein Pandapfleger aus dem Zoo im großen Stil mit Futtermaterial für die nächsten Wochen eingedeckt? Mirakulös.

Ein weiteres Rätsel gibt die Geschichte auf, die uns in unserem lauschigen Hotel Waldterrasse in Rengsdorf erwartet. Das in x-ter Generation familiengeführte, sehr wanderfreundliche Hotel mit erprobter guter Küche ist, als wir abends eintrudeln, noch ein wenig in Aufruhr. In der Nacht zuvor ist eine Frau aus einem Fenster im oberen Geschoss gefallen. Außer einer Schürfwunde am Arm hat sie sich keine Verletzungen zugezogen. Ein Mann aus dem Nebenzimmer war wohl dramaturgisch involviert, ganz genau ist die Geschichte, in der auch ein nächtliches Telefonat im Nebenzimmer eine Rolle spielt, nicht auszumachen. Die Hotelbetreiberin oder auch fürs Frühstück zuständige Seniorchefin ist jedenfalls immer noch ganz aus dem Häuschen bei dem Gedanken daran, was in ihrem idyllischen Familienhotel los gewesen wäre, hätte sich Madame Fenstersturz tödlich verletzt. Dass mitten in der Nacht das Gerumpel und Rumoren draußen keinen weiter interessiert oder gar aufgeweckt hat, liegt daran, erklärt sie, dass sie hier Waschbären und alle möglichen anderen Tiere nachts am Haus hätten. Bei dem Gedanken, dass die Waschbären sich vielleicht auch gehörig erschreckt haben, als da des Nächtens plötzlich eine Frau von oben angeflogen kam, muss ich beim Frühstück in mich hineinlachen. In der Nacht jedenfalls habe ich von jeglichen Zwei- und Vierbeinern nichts mitbekommen, noch nicht einmal das Gewitter draußen kann mich wecken. Die lange Wanderung, 33 Kilometer, bei tropischen Temperaturen waren wohl doch anstrengend genug für eine Art Wanderkoma.
Dschungel? Lianen? Ach nee. Rheinsteig hinter Neuwied.
Schafherde im Schatten auf steppenartigem Gelände. Vormittags Dschungel, nachmittags Dürre, alles möglich im neuen Klimawandel-Sommer in Deutschland.

Aus Fleisch und Blut haben wir nicht viele Wandersleut getroffen, aber immerhin hölzerne.
Ein doppelter Weihnachtsbaum! Oder eine Primaballerina-Tanne. Sieht jedenfalls sehr elegant aus.
Naturfreundehaus Leutesdorf unter Corona. Noch nicht mal der Geysir gegenüber hat Bock, sich das Elend anzugucken, und bleibt lieber liegen.
Auch bei schwülheißen Temperaturen ist es schön auf dem Rheinsteig. Und leerer als sonst.

Im Winter 2015 kam ich schon mal vorbei am Wasserpark Feldenkirchen und konnte mir die Krake auf einer Art Hochsitz nicht erklären. Jetzt, fünf Jahre später, weiß ich: Sie gehört zu einer Planschanlage für Kids, die Tentakel bieten willkommene Abwechslung und Erfrischung als Mini-Dusche. Zum Glück einfach nur Wasser und keine Tinte.