Den Text hatte ich schon während des ersten Lockdowns geschrieben. Jetzt ist er wieder aktuell. Fitnessstudio zu, kein Spinning, leider auch nach wie vor nicht genug Geld und Platz, um mir ein Peloton zu kaufen. Also, Abreagieren aus, Sehnsucht an – bis Spinning wieder möglich ist. Beim letzten Lockdown hat es mehr als drei Monate gedauert.
Im Januar 2012 hatte ich mein Erweckungserlebnis. Nach einigen Jahren im Fitnessstudio, in denen ich Verschiedenes ausprobierte, schaute ich beim Spinning vorbei. Es war Liebe auf den ersten Beat und bis in die letzte Faszie. Seither, seit fast neun Jahren, gehe ich mehrmals wöchentlich begeistert zum Spinning. Oft sind es Doppelstunden. An Tagen im Büro, an denen ich mich ärgere oder es aus den verschiedensten Gründen stressig ist, ist das Training der einzige Lichtblick. Es hält mir, in normalen Zeiten, mein Gemüt zusammen. Im Moment, da ich auf dieses Ventil wieder verzichten muss, fällt mir mein Gemüt oft genug auseinander. Regelmäßiger Ausdauersport ist ein probates Mittel gegen depressive Verstimmungen. Da ich mit denen immer wieder zu tun hatte, merke ich im Moment, wie sehr das stimmt, wieviel schlechter gleich der mentale Gesamtzustand ist, wenn das regelmäßige Training fehlt. Zumal wenn auch noch Corona-Wahnsinn herrscht.
Geh doch Radfahren draußen!, wird dann gern geraten. Das ist aber etwas völlig anderes. Da bin ich im Straßenverkehr, da muss ich mich konzentrieren, mit Fallenlassen ist da nichts. Abtauchen, mit geschlossenen Augen vor sich hinstrampeln? Keine so gute Idee mit SUV und Lkw um mich herum. Ich habe einige Jahre ein Rennrad besessen, weil ich eben dachte, die Faszination Spinning ließe sich auf die Straße bringen, aber es ist eine andere Welt. Ich habe das Rennrad nach vielen frustrierenden Erlebnissen wieder verkauft. Für Außenstehende ist es meist nicht nachvollziehbar, was an einem Pseudo-Fahrrad so faszinieren kann, bei dem man tritt wie blöd, so sehr, dass sich Pfützen aus Schweiß darunter bilden, man sich aber keinen Zentimeter von der Stelle bewegt.
Spinning ist eine Sache für sich. Es hat eine eigene Intensität. Schweißtreibend bekommt eine andere Bedeutung, wenn man regelmäßig zum Indoor Cycling geht. Die Musik reißt den Körper mit, beflügelt die Seele, die Beine treten irgendwann von ganz alleine egal welchen Widerstand in egal welcher Geschwindigkeit. Es gibt nur mich, das Rad und die Musik. Es kann mir passieren, dass ich eine Viertelstunde oder zwanzig Minuten lang völlig abtauche, mich treiben lasse von den Beats, mit geschlossenen Augen, Schweiß tropft von der Nase, den Ohren, den Armen, rinnt vom Rücken bis in die Socken. Es ist völlig egal, und ich weiß, auch ohne die Augen zu öffnen, links und rechts von mir sieht es ähnlich aus. Spinning ist so gesehen auch etwas sehr Intimes, da die Räder – zumindest bis Corona kam – in den Spinningräumen sehr nah beieinander stehen und sich dementsprechend die Menschen darauf sehr nah kommen und sich keinesfalls vor so etwas wie Schwitzen oder Keuchen ekeln dürfen. Ganz im Gegenteil. Nimmt man sich in den Arm oder klopft sich auf die Schulter, auch das hat sich natürlich zuletzt kaum mehr jemand getraut, ist da nur Nässe, als sei man gerade gemeinsam aus der Dusche gestiegen.
Vorn tropft der Instructor vor sich hin, schafft es aber zwischendurch noch, den kompletten Kurs anzufeuern, im Rhythmus und bei Laune zu halten und aus allen noch das Letzte an Kraftreserven herauszuholen. Nach einem Spinningkurs ist es in der Seele wie nach einem Gewitter: Alles ist klar, erfrischt, die dunklen Wolken des Tages sind verzogen, die ausgeschütteten Endorphine halten einen lange bei ausgeglichener, zufriedener Erschöpfung. Das will der Körper, will die Seele immer wieder haben. Spinning macht so gesehen auch ein bisschen abhängig. Im Moment habe ich wieder kalten Entzug und bin schlecht drauf.
Was die Spinningkurse noch toppt, sind Spinningevents: Gegen Teilnahmegebühr richten verschiedene spezialisierte Anbieter wochenends halb- bis ganztägige Events in mehreren Turns mit Hunderten von Spinningrädern aus. Die Locations sind abwechslungsreich: Ob Rheinfähre in Bingen, Balver Höhle, ehemaliger Flugzeughangar in Den Haag, der Kurpark in Bad Homburg oder der Posttower in Bonn – die Stimmung, wenn bei bestem Konzertsound, Lichteffekten, Live-Schlagzeug-Performances oder was auch immer den Veranstaltern einfällt, mehrere Dutzend bis mehrere Hundert Menschen mit dem Instructor feiern, auf den Rädern tanzen und sich an den Rand der Erschöpfung strampeln, ist einfach unbeschreiblich. Manchmal ist es auch nur eine Mehrzweckhalle im Hunsrück, ein Fitnessstudio-Parkplatz am Niederrhein oder ein Autohaus in Andernach, aber der Stimmung tut das keinen Abbruch. Es ist, so hat es eine Freundin mal genannt: Disco für Erwachsene, und das auf Rädern. Ist man in gutem Training, schafft man vier Stunden easy, ab sechs fängt es an wehzutun und danach ist es richtig fies. Aber acht Stunden, natürlich sind zwischen den Stunden immer Pausen, habe ich tatsächlich auch schon geschafft. So glücklich erschöpft war ich selten in meinem Leben. Es gibt auch 24-Stunden-Marathons, für alles gibt es immer eine Steigerung, vielleicht ein Ziel für die Zeit, in der man mit Corona anders leben wird als jetzt und sowas wieder geht.
Spinningbegeisterte laufen sich immer wieder über den Weg, die Kurse und das unverschämte Schwitzen schweißen zusammen, man freundet sich schnell an. Es gibt viel Gemeinsames, bis hin zu den auf dem Boden zusammenlaufenden Schweißpfützen, das scheint einfach alles sehr zu verbinden. Im Fitnessstudio sind sehr viele sehr intensive Freundschaften entstanden in diesen Jahren. Es fehlt mir einfach alles. Der lockere Plausch mit dem Instructor, wie es gerade so geht im Leben, die mitreißende Musik, das Abtauchen in eine andere Welt, die Hochgefühle, ja, der Rausch geradezu, den man sonst nur unter Zuhilfenahme von diversen Stoffen erreichen kann. Das Miteinander. Seit Aerosole der letzte heiße Corona-Scheiß sind, hatte sich das Training in den letzten Monaten schon verändert – Abstand, viel weniger Räder im Raum, aber trotzdem kamen die Hardcore-Spinner regelmäßig und haben sich ausgepowert. Das war schon mal besser als nichts. Jetzt ist wieder nichts. Und ich kann mir überhaupt nicht mehr vorstellen, wann ich wieder, keuchend, schwitzend, tropfend, Schulter an Schulter, in einem ungelüfteten Raum, dicht gedrängt mit Dutzenden anderen Menschen auf ihren Spinningrädern diesen tollen Sport werde ausüben können. Vielleicht nie wieder. Vielleicht sorgt Corona dafür, dass Spinningräder künftig serienmäßig mit Plexiglaskasten versehen ausgeliefert werden.
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| Schwitzen ist schöner mit Spinning. Iris und ich vor ein paar Jahren beim Pink Cycling. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
