Es grünt und blüht auf dem Flysch, dem grünen Gebirgszug am Talschluss des Kleinwalsertals. Noch in 2000 Metern Höhe und an so manchem Gipfelkreuz hat man das Gefühl, im Botanischen Garten zu stehen. Aber die weite Sicht in die umliegenden Gebirge erinnert daran, dass dem nicht so ist. Außer der überwältigenden Flora machten der Mann und ich in unserem einwöchigen Wanderurlaub auch Bekanntschaft mit so manch nettem tierischem Genossen.
So wie der Schwarzwald kürzlich Ersatz für die Pyrenäen war, ist der Aufenthalt im Kleinwalsertal Ersatz für Tallinn und Helsinki. Wandern in den Bergen im Nachbarland Österreich geht zum Glück wieder, ohne Flug, ohne Grenzkontrolle, ohne Temperaturmessen oder irgendwas. Meist kann man auch die Maske weglassen – Urlaubsgefühl macht sich sofort breit ohne dieses nervige Ding. Auch das Wetter belohnt uns für unsere Entscheidung: An sechs aufeinanderfolgenden Tagen schnüren wir die Wanderstiefel und ziehen los, nur ein einziges Mal, unterm Widderstein, kommen wir in einen Schauer und brauchen das Regenzeug.
Ansonsten bleiben wir trocken:
- auf dem Grünhorn, das seinen Namen angesichts der Tatsache zu Recht trägt, dass man sich fühlt wie auf einer Blumenwiese, es sprießt, summt und brummt um einen herum
- auf der Güntlespitze, die keinen richtigen Gipfel hat, sondern einen sehr schmalen Grat, auf dem die Ankommenden für die Gipfelrast ihr Plätzchen suchen und finden müssen
- auf dem Walmendinger Horn, das wir nur mitnehmen, weil wir nach der Güntlespitze mit anschließender Gratwanderung zum Hochstarzel lieber auf der Höhe noch ein Stück weiter rüber gehen, um komfortabel mit der Gondel ins Tal zu segeln als die vielen Höhenmeter im Abstieg machen zu müssen
- auf dem Geißhorn, einem unerwartet anstrengenden Gipfel mit sehr langem und steilem Abstieg über die Mindelheimer Hütte und Kemptner Scharte runter ins Wildental. Das Geißhorn sieht aus der Ferne genauso sanft, grün und mild grasig aus wie das Grünhorn, entpuppt sich dann aber als felsig und schroff.
Auf dem Geißhorn-Gipfel machen wir Bekanntschaft mit Lizzy, einer kurzbeinigen, gut gelaunten Promenadenmischung, die es auf ihren eigenen Beinchen den Berg hinauf geschafft hat und mich dadurch sehr beeindruckt. Lizzy futtert mit mir die getrockneten Cranberrys aus der Nuss-Frucht-Mischung und guckt lieb. Beim Aufstieg zum Grünhorn werden der Mann und ich einen weiteren tierischen Freund gar nicht mehr los: Ein Jungbulle nähert sich interessiert muhend, um dann den Mann am Rücken sowie unsere abgelegten Rucksäcke ringsum abzuschlecken und anzusabbern. Ich tätschle ihm den Kopf zwischen den Augen, er freut sich, blinzelt und will mehr davon. Als wir ein paar Meter weiter bergauf ziehen, um nicht weiter vollgeschlabbert zu werden, trottet uns der gute Bulle freundlich mit den Ohren schlackernd hinterher. Wir geben auf, steigen weiter auf und lassen den Bullen traurig auf seiner Weide an der Starzelalpe zurück.
So zutraulich wie dieser Bulle war fast auch ein Steinbock – die Herde weit entfernt, im Geröllhang unterhalb der Kemptner Scharte, aber dieser einzelne Steinbock graste nur wenige Meter vom Wanderweg entfernt und ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen, schon gar nicht durch leuchtend bunt bekleidete, auf zwei Beinen und mit Stöcken den steilen Felshang herunterstapfende Wanderer. Einer davon hatte das größte Objektiv, das ich jemals gesehen habe, am Wegesrand lauernd auf den lässig kauenden Steinbock gerichtet – ich musste an den Fotografen Rankin bei einem Shooting für Germany´s Next Topmodel denken: Er wartet auf die perfekte Pose, doch so viel Geduld bringen der Mann und ich trotz der vorwurfsvollen „pscht! pscht! pschschschschtttt!“-Zischeleien nicht auf und rumpeln weiter bergab. Den Steinbock interessiert´s eh nicht. Vielleicht hat der mal in einem Streichelzoo gearbeitet und wurde erfolglos ausgewildert.
Auf der Inneren Stieralpe setzt sich ein offenbar wirklich glückliches freilaufendes Huhn zwischen meine Beine unter die Bank, bleibt dort in Seelenruhe für eine halbe Stunde, um sich ausgiebig zu plustern und zu putzen. Auf dem letzten Stück zur Widdersteinhütte, bei der Widderstein-Umrundung – bestiegen habe ich ihn immer noch nicht, aber auch das wird noch geschehen -, setzt sich gar eine ganze Kuhherde in Bewegung, als der Mann und ich vorbeikommen. Vielleicht liegt es an den Signalfarben der Rucksack-Regenschutzhüllen, vielleicht an unseren Käppis – jedenfalls meinen die Vierbeiner in uns wichtige Leit-Zweibeiner zu erkennen und trotten mit uns mit. Ich stelle mir schon vor, was wohl passieren wird, wenn wir mit einer Kuhherde im Schlepptau vor der Widdersteinhütte stehen werden – da machen die Tiere irgendwann doch Halt und grasen weiter. Vielstimmiges Muhen verabschiedet uns.
Weil im Kleinwalsertal am Berg so vieles wächst und blüht, ist es sehr bunt an den Flanken und ich lerne außer dem Enzian, den Heino als „so blau, blau, blau“ blühend besingt und der dem Mann als einzigem Menschen auf der Welt als Schnaps mundet, zwei weitere Enzian-Arten kennen: den Purpur-Enzian und den Gelben Enzian. Ich kann mich gar nicht sattsehen an dieser in ganzen Hangfeldern auftretenden Blütenpracht, die einfach so herumwächst, wofür man sonst kunstvoll bepflanzte Kurparks braucht.
Am letzten Schönwettertag planen wir nochmal eine echte Krachertour: von Wäldele übers Kürental hinauf zum Gottesacker, diesen querend weiter hinauf zum Ifen. Irgendwo auf dem Gottesacker reift die Erkenntnis heran, dass wir schon zu viel Aufstieg und Strecke in den Beinen haben und mit Blick auf die Uhr die Ifen-Gipfelzeit überschritten haben. Der Ifen muss warten – vor Jahren waren der Mann und ich schon einmal oben und beeindruckt. „Ifi, ich komme wieder und esse auf dir ein Bifi!“, verspricht der Mann auf dem Hahnenköpfle, das wir, dem Ifen vorgelagert, stattdessen noch mitgenommen haben. Weil die Ifenbahn nicht weit und der Weg einfach ist, ist das Hahnenköpfle regelrecht überlaufen. Wir bleiben nicht lange, zuviel Kikeriki, und fahren wie alle anderen mit der Ifenbahn zurück ins Tal. Statt dem überfüllten Ifenbus nehmen wir von dort für die restlichen Kilometer zurück nach Riezlern lieber unsere Beine nochmal in Anspruch und gehen auf dem schönen Schwarzwasserweg an rauschenden Wasserfällen entlang durch den Wald.
Liebes Kleinwalsertal, ich kehre wieder. Nach 2018 mit dem Alpenverein und jetzt mit der Familie – außer dem Mann waren auch meine Eltern dabei – auf ein Neues. Dann mit Ifen und Widderstein.
| Pfiati Madel, i mog di und schleck dir den Rucksack ab! |
| Anstrengend war´s, aber oben ist es einfach immer sooooo schön! Das Geißhorn, Lizzy zu unseren Füßen sieht man leider nicht auf dem Foto. |
| Gelber Enzian in voller Pracht |
| und auch der Purpur-Enzian, im Hintergrund die Güntlespitze, ist ein Foto wert |
| Orchidee (links) mit Güntlespitze. Die wächst da so herum, meine im Büro ein Scheiß dagegen. Vielleicht nehm ich die nächstes Mal mit und pflanz sie einfach daneben. |
| Ach, der Ifen. Ein toller Berg, wie ein schlafendes Tier. |
| Es ist einfach das größte Glück, das Rumturnen auf felsigen Pfaden mit Aussicht |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.