Laktosefrei in Leogang

Über meinen Geburtstag im Mai versuche ich stets zu verreisen. Letztes Jahr fiel die Wahl aufgrund eines Angebots in einem Reiseprospekt auf Leogang, ein Mini-Dorf in den Bergen im Salzburger Land. Da der Mann und ich gerne und groß wandern, kam das gelegen. Was wir nicht wussten, ist, dass die Gegend ein heavy used Skigebiet ist und deshalb außerhalb der Skisaison die Landschaft sehr zerfräst und tot ausschaut. Dass für die Nicht-Skifahrer Mountainbike-Downhill-Pisten angelegt wurden und ansonsten die Holzwirtschaft eine herausragende Rolle in der Region spielt, tut sein Übriges. Es geht einem also nicht das Herz auf beim Durchschreiten der Landschaft, sondern es tut einem eher in der Seele weh.

Unser Hotel war ganz großes Kino, alles renoviert, neu, frisch, bio, regional, saisonal, Holz, Glas, Sauna unterm Dach, Küche für Vegetarier, Veganer, Laktose- und Gluten-Intolerante, das volle Lohas-Einmaleins. Am ersten Tag gab es mit den Getränken eine Liste auf den Tisch, in der für die Speisen Vorlieben, vorhandene Intoleranzen und dergleichen zu vermerken waren. Als laktoseintolerante Vegetarierin habe ich mich darüber gefreut und die entsprechenden Kreuzchen gemacht. Nach Abgabe der Liste wurde ich von der Servicekraft gebeten, ein „Beratungsgespräch mit dem Küchenchef zu vereinbaren“. Äh, bin ich jetzt im Urlaub oder im Dienst? Ich will keine Beratungsgespräche im Urlaub führen, schon gar nicht, wenn es um so profane Dinge wie die Lebensmittelzufuhr geht. Also habe ich das ignoriert. Und nicht mit der Rache des Küchenchefs gerechnet.

Für den weiteren Verlauf des Aufenthalts und der Menüfolge am Abend war es nämlich so, dass in der Küche meine Menüwahl, stets am Morgen getroffen, ignoriert wurde. Morgens Karotten-Ingwer-Cremesuppe angekreuzt, abends wird klare Brühe serviert. Auf Nachfrage bekomme ich erklärt, „Ja, also, die Karotten-Ingwer-Suppe dürfen Sie nicht essen. Da ist Sahne drin.“ „Entschuldigung, ich kann glaube ich ganz gut selbst entscheiden, was ich essen kann und was nicht.“ „Der Küchenchef hat gesagt, Sie bekommen die klare Brühe.“ Morgens das Gemüsetörtchen angekreuzt, abends wird das aufgetischt, was auch der Mann – der seine Wahl stets nach der Maßgabe des Fleischgehalts trifft – serviert bekommt. Also MUSS da Fleisch drin sein. Der Mann probiert. Es IST Fleisch drin. Die Servicekraft kommt, angelockt durch die im feinen Saal unangenehm auffallende Teller-hin-und-her-Schieberei und das Gabel-Gestocher im Teller der Gattin, herbeigeeilt. „Stimmt etwas nicht?“ „Richtig. Es stimmt nicht, dass ich Fleisch serviert bekomme, obwohl ich das Gemüsetörtchen bestellt habe.“ „Ja, der Küchenchef sagt, das Gemüsetörtchen können Sie nicht essen, da ist Frischkäse drin.“ Fast springe ich der Kellnerin ins Gesicht. Ich überlege kurz, meiner energiegeladenen Sternzeichenkombination aus Stier (westliches System, dritte Dekade) und Drache (östliches System) freien Lauf zu lassen, in die Küche zu rennen und dem Küchenchef sein Fleischsoufflé bestenfalls an die Wand zu werfen. Bleibe sitzen und sage: „Wissen Sie was. Ich bin in erster Linie Vegetarierin und esse kein Fleisch. Deshalb KANN ich das hier nicht essen, auch wenn der Küchenchef glaubt, ich MÜSSE das essen. Ich möchte jetzt ein für alle Mal das serviert bekommen, was ich bestelle, oder ich esse hier gar nichts mehr.“ Damit war der Ofen dann ganz aus in Leogang, und ich hatte nicht nur mit dem Küchenchef, sondern auch mit der Servicekraft verspielt. Blieb aber fortan von Brühen und Fleisch verschont.

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