LeseRattenReport: Karte und Gebiet; Vielen Dank für das Leben

Es gibt nur wenige Autoren, die die dunklen Abgründe der Menschen und ihre bösartigen Seiten bis ins letzte verborgene Winkelchen ausleuchten und gleichzeitig so lakonisch, geradezu gleichgültig, darüber schreiben können wie Michel Houellebecq und Sybille Berg. Vielleicht können das überhaupt nur die beiden. (Beide sind sie einfach zum Niederknien – im Gegensatz zu dem arroganten Kölner Autofahrer.) Sowohl von Houellebecq als auch von Berg habe ich kürzlich ein Buch gelesen, „Karte und Gebiet“ von Houellebecq und „Vielen Dank für das Leben“ von Berg. Das grausamere ist das von Sybille Berg, die über einen Hermaphroditen (wie sagt man dazu jetzt eigentlich politisch korrekt? Zwitter bestimmt nicht, Transgender vielleicht?) berichtet, der vergleichbar dem „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ durch politische Systeme und Geschichtsläufte stolpert, dazu im Gegensatz zum Hundertjährigen aber überhaupt nichts Lustiges oder Nettes, sondern nur Bösartiges und Schlimmes erlebt. Die Umwelt kann einfach nicht damit umgehen, dass da ein Mensch ist, der sich nicht zu- und einordnen lässt, und obwohl Toto selbst, wie die Figur im Roman heißt, eine reine Seele hat, herzensgut ist und keiner Fliege etwas zuleide tun kann, wird er bzw. sie ständig gequält und erniedrigt.
Das Grausamste in Karte und Gebiet ist der Mord (ein Gemetzel) am Ende der Geschichte, der, soviel Chuzpe muss man erstmal haben, der Mord an Houellebecq ist. Der Autor baut sich als Autor in seine eigene Geschichte ein und freundet sich mit dem Protagonisten, dem Künstler Jed, an. Der erlebt, wie typisch für Houellebecqs Protagonisten, die Einsamkeit, aber auch, das ist nicht ganz so typisch, die große Liebe, den irrsinnigen Reichtum und jede Menge Glück. Nur macht er irgendwie nichts damit, der Künstler, alles zieht an ihm vorbei, er lässt es geschehen, lässt die Frau seines Lebens ziehen, verwendet viel Geld darauf, das geerbte Häuschen der Großmutter zu einer Art Bollwerk umzubauen, um ja nicht mit den Menschen im Dorf interagieren zu müssen, und wird in seiner Festung einfach, reich und einsam, alt. Brillant sind die Charakterstudien sämtlicher Figuren im Roman, seien es Jeds PR-Agentin, sein Galerist, sein Vater oder seine große Liebe, eine Russin, die im Verlag Karriere macht.
Berg, Sybille: Vielen Dank für das Leben. Deutscher Taschenbuch Verlag. ISBN-13: 978-3423143417;
Houellebecq, Michel: Karte und Gebiet. Dumont Taschenbuch. 2. Aufl. 2012. ISBN-13: 9783832161866.