Seit ein paar Wochen ist der Mann auf Krücken unterwegs. Weitere Wochen werden sich anschließen, bis er nach seinem Meniskus- und Knorpel-behandelten Knie wieder stehen, gehen, Auto fahren, Sport machen, ein normales Leben führen kann. Mit den Krücken unterwegs zu sein, scheint indes denselben Effekt zu haben wie mit einem Hund unterwegs zu sein: Man kommt mit wildfremden Menschen ins Gespräch.
„Neues Gelenk?“ wird der Mann sehr oft gefragt. Überwiegend von älteren Semestern, die natürlich einfach von sich auf andere, in dem Falle Jüngere, schließen, die Gott sei gepriesen von Ersatzgelenken hoffentlich noch ein paar Jahrzehnte entfernt sein dürfen. Ohne die Antwort abzuwarten, legen die Ersatzgelenkten im Anschluss gleich los, wie das war, vor ein paar Jahren, mit der Hüfte, und wie sie dem Arzt dann aber so richtig die Meinung gegeigt haben.
Alte, bucklige Omis lassen dem jüngeren, kräftigen Mann den Vortritt im Bus, am Lift, halten Türen auf, nicken wissend um die Schwierigkeiten und Widerstände, die Immobilität in unserem an Stufen, Hürden, schweren Türen, engen Durchgängen so reichen Alltag mit sich bringt. „Ist beschwerlich, nicht?“, fragen die alten, buckligen Omis, wackeln dem Manne ein paar Meter voraus, um ihm die nächste Tür auch noch aufzuhalten und ihm alles Gute zu wünschen.
Im Supermarkt entsteht ein kleiner Aufstand, weil der Mann von einem Bügelbrett angeflogen wird. Ich habe ihn achtlos an den Bananen zurückgelassen, um den Angebots-Sonnenschirm zu suchen. Und während er so an den Obstkisten herumlehnt, fällt im Dominoeffekt das äußerste Bügelbrett aus einer gegenüber sagen wir an den Nektarinen stehenden Bügelbrettstafette heraus, dem Mann an sein gesundes Bein. Eine gleichaltrige Frau wollte irgendwo anders dran und hat den Brettsturz ausgelöst. Der Mann sieht das Bügelbrett auf sich zufallen, kommt aber nicht schnell genug weg. Seither hat er die Wade seines eigentlich gesunden Beines blau eingefärbt und ich frage mich beim Anblick immer, ob die Umwelt denken könnte, ich hätte meinen lahmen Mann misshandelt und getreten. Etwa, weil ich sämtliche Bergwanderurlaube für dieses Jahr stornieren musste. Sofort sind im Supermarkt Umstehende zur Stelle und Entferntere eilen herbei, um mit der Bügelbrett-Frau zu schimpfen. „Sie sehen doch, dass der Mann verletzt ist! Wie können Sie nur!“ Zu diesem Zeitpunkt tauche ich wieder an den Bananen auf, ohne Angebots-Sonnenschirm, ausverkauft. Ich tröste die aufgelöste Frau, „Das tut mir so Leid“, fleht sie, „ich weiß, wie schlimm das ist, mein Mann hatte letztes Jahr auch eine Knie-OP!“ Wir verlassen die Szenerie, ich rechne noch damit, dass jemand aus dem Kreise der Entsetzten dem Mann anbietet, ihn rauszutragen oder im Einkaufswagen nach Hause zu fahren, das passiert dann aber doch nicht. Immerhin lässt uns eine Angestellte zur Eingangsklappe hinaus, verbunden mit besten Genesungswünschen.
Mit Gleichaltrigen werden, zum Beispiel im Wartezimmer des Orthopäden, eher Fachgespräche über genaue Krankheits-, Beschwerde- und Behandlungsverläufe geführt. Der eine hat Kreuzband, der andere Sprunggelenk, und dann gibt es eben noch Meniskus, was gefühlt jeder schon mal mitgemacht hat, stelle auch ich fest, sobald ich irgendwo erzähle, dass der Mann einen beidseitigen Innenmeniskusriss mit Knorpelschäden habe und jetzt erstmal das rechte Knie saniert worden sei. Männer über 40 haben samt und sonders Innenmeniskus-OPs hinter sich, ist mein Zwischenfazit. Das gibt mir ein bisschen Hoffnung, denn oft verzweifle ich ein bisschen, wenn ich den krückenden Manne so sehe und mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass er nächstes Jahr wieder 1.500 Höhenmeter mindestens jeden zweiten Tag mit mir in den Dolomiten oder Julischen Alpen läuft. Aber wer weiß. Vielleicht kommt eh alles ganz anders. So oft, wie der Mann jetzt angesprochen wird, ist er vielleicht 2019 mit einer anderen verheiratet.
| Für eine derart gestaltete Wegstrecke benötigte der bekrückte Mann im Moment schätzungsweise dreieinhalb bis fünf Stunden. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
Bislang ja! Zuletzt wurde er auf der Haltestellenbank wartend von einem Penner mit Bierflasche angesprochen, da bestand keine Gefahr.