Bahnfahren ist nichts für Anfänger. Es lohnt sich, auf eine Waggonkarriere zurückzuschauen, die mehr als ein halbes Leben andauert. Anders käme man oft nicht ans Ziel. Oder ginge irgendwo verloren. Umgekehrt geht gerade bei Leuten, die alle Jubeljahre mal wagemutig eine Verbindung mit drei Umstiegen antreten, weil das Auto oder dessen Fahrer kaputtgegangen sind, nie was schief und alles klappt pünktlich auf die Minute.
Seit vielen Jahren bin ich nicht mehr mit der Bahn ins heimische Schwabenländle gereist. Das liegt, wie so vieles, daran, dass vor ziemlich genau einer Dekade ein Mann in mein Leben trat, der mitsamt seinem blauen Golf bei mir blieb. Seither ist der blaue Golf das Transportmittel der Wahl, wenn es um die Fahrt zur Familie geht. Diesmal habe ich mich spontan für die Reise mit der guten alten Tante Deutsche Bahn entschieden, denn der Mann fiel aus. Alleine so lange im Auto hocken, bei der unverhältnismäßigen Aprilhitze, sich auf der A3 von mausetot vor sich hinstierenden Mittelspur-SUV-Fahrern aufhalten oder aggressiven Audi-Boliden beiseiteblinken lassen – och nö. Schon gar nicht ohne Gesellschaft im Auto, dann kann man sich noch nicht einmal gemeinsam über die Idioten um einen herum aufregen.
Also spontan eine Fahrkarte gebucht, 2 Stunden 20 Minuten pro Verbindung, nur ein Umstieg, in Mannheim – super. So schnell klappt es mit dem Auto eh nicht. Frohgemut trete ich mit flatterndem Sommerkleid in die Pedale, stelle das Fahrrad am Hauptbahnhof ab, lästere im Rituals-Shop mit dem Verkäufer bei einem zum Einkauf spendierten Eistee über den Gestank in der Passage draußen, den die Rituals dieser Welt zum Glück mit ihren Düften übertünchen – und stehe pünktlich am Gleis. Viele andere auch. Was ist los? Es ist wärmer als 20 Grad Celsius, das ist los. Alles über 20 Grad bringt die Deutsche Bahn an den Rand des Abgrunds, des totalen Einsturzes dieses gigantischen Logistikgebildes. Orientierungslose Menschenmassen, ausfallende Züge, Züge, die mit 60 Minuten Verspätung am anderen Ende des Bahnhofs einfahren, was aber erst gefühlte drei Sekunden vor deren Abfahrt durchgesagt wird, Koffer, Menschen, Taschen, Kinder stapeln sich, ein akustisches Chaos aus Gongs, Durchsagen mit Computerstimme, Durchsagen mit Menschenstimme, verwirrt Zug- und Gleisnummern abgleichend umherirrenden Personen, plärrenden Kindern, quietschenden alten IC-Zügen fräst sich durchs Gehirn. Wo bleibt mein Zug? Schon zehn Minuten drüber, die Schautafel zeigt aber noch ganz unschuldig die Abfahrtszeit ohne Verspätung an. Am Nebengleis fährt ein verspäteter IC nach Stuttgart ein. Soll ich…? Aber der ist so langsam; wenn der ICE jetzt gleich kommt, dann ärgere ich mich über die zwar romantische, aber zeitintensive Fahrt am Rhein entlang. Ich steige nicht ein. Gerade als der IC abgefahren ist, kommt die gegen den an Großdemonstrationen erinnernden Gesamtzustand auf dem Bahnsteig angebrüllte Durchsage, dass der ICE sich um eine halbe Stunde verspätet. Mein schöner Umstieg in Mannheim ist dahin. Ich werde mit mehr als anderthalb Stunden Verspätung im badischen Sinsheim aus der S-Bahn steigen, nach Telefonaten mit den Eltern, die im Abstand von 20 Minuten immer lauteten: „Ich verspäte mich um weitere 20 Minuten“, unter anderem, weil eine S-Bahn in Mannheim losfuhr, wenige Meter später zum Stehen kam, 20 Minuten stand, dann die wenigen Meter wieder rückwärts fuhr und alle wieder aussteigen mussten. Alles andere war dann weg. Fünf Minuten später durften alle wieder einsteigen und die S-Bahn fuhr dann doch.
Die Rückfahrt verlief ähnlich – statt des smarten, aalglatt abgepassten Mini-Umstiegs in Mannheim brauchte ich insgesamt vier Züge und drei Umstiege, um wieder zurück nach Köln zu kommen. Ein labyrinthisches Geschick im Umgang mit der DB-App und den der App widersprechenden Brabbeldurchsagen am Bahnsteig, nahezu detektivischer Spürsinn im Auffinden von irgendwo einfahrenden verspäteten Fernzügen waren erforderlich, um am Ende erschöpft, aber glücklich, dass ich noch vor 20 Uhr in Köln ankommen und mein Fahrrad abholen können würde, im ICE-Sprinter an den Idioten auf der A3 vorbeizufliegen.
| Wäre vielleicht auch eine Option oder manchmal eine echte Alternative zu Auto und Bahn: die traditionelle, bewährte Pferdekutsche. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.