Dieses Jahr komme ich wandertechnisch buchstäblich nicht in den Tritt: Es war Ewigkeiten Winter, die Infekte zeigten meinem Immunsystem in beeindruckender Härte, was eine Harke ist, und der kniekranke Mann fällt als Wanderbegleiter aus. So habe ich meine erste Langstreckenwanderung 2018 alleine absolviert und gleich wieder viele hinreißende Provinzmomente in der Eifel erlebt.
Es gab mal den Slogan: „Ohne Ö fehlt dir was!“ In Zeiten des sterbenden Festnetztelefons muss man jüngeren Menschen vermutlich erklären, dass es sich hierbei um ein Telefonverzeichnis, das öffentliche Telefonbuch eben, handelte. Was Wanderungen anbelangt, kann man daran angelehnt sagen: „Ohne E (die Eifel) fehlt dir was!“ Zumindest den Rheinländer Flachlandtirolern. So trete ich zum ich weiß nicht wievielten Male zum Eifelsteigwandern an, diesmal komplett wanderuntrainiert für die mit knapp 28 Kilometern längste Etappe, die der Fernwanderweg von Aachen nach Trier zu bieten hat. Angezettelt hat die Aktion eine Freundin, die dann kurzfristig doch nicht mitwandert, aber samt Ehemann anreist, um mir wenigstens um die Etappe herum Gesellschaft zu leisten und am nächsten Tag die Schlussetappe nach Trier mit mir zusammen zu gehen.
Im von Eifelsteig-Wanderern lebenden (wohl eher schlecht als recht lebenden, da zum Verkauf stehenden, wie Shuttlefahrer Andi ausplaudert) Hotel sind nur Eifelsteig-Wanderer. Mit Hund, ohne Hund, gesellig, weniger gesellig. Ein weniger geselliger Genosse tritt zur langen Etappe mit mir an. Wir laufen am Startpunkt gemeinsam los, nachdem Shuttlefahrer Andi uns auf der gut dreiviertelstündigen Anfahrt über seine persönliche Historie als jahrzehntelanger Fahrer von Rettungsfahrzeugen, sämtliche Umleitungen und deren Ursachen, mögliche Pausenstellen und den detaillierten Routenverlauf ausführlichst informiert hat. Der Mitwanderer geht eine Stunde lang in kurzem Abstand hinter mir. Als ich meine Jacke ausziehe, frage ich ihn, ob wir nicht die weitere Strecke zusammen gehen, wenn wir ohnehin gleich schnell sind. „Nein. Ich geh lieber allein.“ Gut, auch recht. Erstaunlicherweise löst er sich danach in Luft auf, ich sehe ihn noch eine Weile immer kurz vor mir, und dann ist er irgendwann wie vom Erdboden verschluckt und er begegnet mir tatsächlich erst beim Frühstück am nächsten Morgen wieder, wo er mich natürlich nicht grüßt.
Dafür bin ich an diesem Von-null-auf-hundert-Kaltstart-Wandertag offenbar in persönlicher Bestform und schlage alle bisherigen Zeiten in den Wind. Die Hotelchefin erschrickt, als sie am Nachmittag ihre Tür aufsperrt und ich auf dem Loungemöbel davor hocke. „Was machen Sie denn schon wieder hier?! Sind Sie die ganze Strecke gelaufen und schon wieder da?!“ So isses. Mir tun die Beine weh, aber ich bin sehr glücklich und will deshalb nochmal einen Anlauf beim letzten Jahr versemmelten 50-Kilometer-Rhein-Ahr-Marsch im Juli machen (ist aber leider ausgebucht).
Am Abend sitze ich mit meinen Freunden im ortsansässigen Eiscafé-Pizza-alles-Italiener, der tatsächlich sowohl Eisbecher als auch Pizza beherrscht. Nur mit der italienischen Sprache ist es so eine Sache. Die Kellnerin korrigiert mit hochgezogener Augenbraue unsere Aussprache beim Bestellen: Aus Pizza „Vetschetaria“ macht sie mit strengem Blick „Vegetaria“, aus „Provintschiale“ „Provinziale“. Eingeeifeltes Italienisch. Meine Beine tun immernoch weh. Ich lege sie hoch. Auf die Baumumrandung neben meinem Stuhl. Die Kellnerin kommt angeflitzt und weist mich sehr barsch zurecht, gefälligst und sofort die Beine herunterzunehmen. Meine lange Gehstrecke wird nicht als Hochlegegrund akzeptiert. Von drinnen schaut grimmig der Eiscafé-Pizza-Chef. Beinehochlegende Belladonnen scheint er nicht zu mögen. Shuttlefahrer Andi kommt vorbei, lehnt sich über den Zaun und beglückwünscht zur tollen Zeit. Im Eifelkaff ist sehr schlechter Empfang, aber das macht nichts, die Menschen kommunizieren hier einfach ohne Medien. Ich denke an mein Heimatdorf, in dem das genau so läuft. Innerhalb von zwei Stunden wissen alle Bescheid, auch im abgelegensten Winzerhof. In der Eifel gibt es Filterkaffee, Neubaugebiete, durch die die Straße „Am Eifelsteig“ führt, ganze Armadas an Einfamilienhausbesitzern, die am Samstagnachmittag Autos aussaugen oder Fenster putzen, ein überdimensioniertes Strohballenpärchen für ein Hochzeitspaar, der männliche Part sogar mit Nerd-Brille. Es gibt viele Gründe, zum Wandern immer wieder in die Eifel zu fahren. Dass es sich oft wie eine Zeitreise anfühlt, ist einer. Dass es so schöne sattgrüne Landschaften gibt, ein anderer. Und Beine hochlegen kann ich ja zu Hause.
| Die letzte Eifelsteigetappe führt über Hängebrücken und an riesigen Höhlen vorbei. Falls jemand dort unterwegs sein sollte und ein Zip-off-Hosenbein findet: Das hat meine Freundin verloren. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.