David Bowie betrauere ich zweieinhalb Jahre nach seinem Tod immernoch. Bevor er diesen Planeten verließ, hat der Künstler noch zwei Werke vollbracht: das Album „Blackstar“ und ein Musical, wobei er für Letzeres einen Großteil der Stücke des Albums geschrieben hatte. Dieses Musical mit Titel „Lazarus“ gab es kürzlich im Düsseldorfer Schauspielhaus zu sehen.
Lazarus sind zwei biblische Figuren benannt: Lazarus eins wird von Jesus von den Toten auferweckt, nach demselben Prinzip, mit dem er später selbst von den Toten auferstehen wird, mit Stein vor der Höhle beiseite schieben nach drei bis vier Tagen. Nach Lazarus eins sind Auferstehungsphänomene und ausgestorben geglaubte Tierarten, die es dann aber doch noch gibt, benannt, weiß Wikipedia. Lazarus zwei ist eine Gleichnisfigur mit dem klassischen Bibelplot: Böser Reicher wird im Jenseits dafür bestraft, dass er dem armen, kranken, vor seiner Haustür siechenden Lazarus zwei im Diesseits nicht geholfen hat.
Das weiß ich alles nicht, als ich nach Düsseldorf fahre. Ich weiß nur, dass meine Freundin mir das Ticket fürs Bowie-Musical zum Geburtstag geschenkt hat, weil sie weiß, dass ich den schon immer gut finde. Überrascht bin ich über das Publikum am frühen Sonntagabend in der ausverkauften Zusatzvorstellung: viel weißes Haar. Bestimmt Opernleute, die mit ihrem Abo alles abopern, was geht, und überhaupt nicht wissen, worum es in Lazarus geht. Gut, das haben sie mit mir gemein. Oder dass das Stück von David Bowie ist. Oder wer David Bowie ist. Dafür spricht, dass einige Weißhaarige im Verlauf der Vorstellung das Theater verlassen. Das Musical selbst ist nicht nur bezüglich der Musik, sondern auch der Figuren und der Handlung ein Panoptikum des Schaffens von David Bowie: Es gibt eine zentrale Figur, eine Art Todesengel, die so aussieht, wie Ziggy Stardust aussah. Auch so angezogen ist. Es fehlt nur der Blitz in der Mitte des Gesichts. Auch so ausgemergelt drogen-dünn ist wie es David als Ziggy war und einfach umwerfend androgyn ausschaut in dem transparenten Schlaghosenfummel. Noch dazu kann der Todesengel so perfekt auf Highheels tanzen wie man das nur von Jorge aus vergangenen Heidi-Topmodel-Staffeln kennt. Vielleicht hat der ihn trainiert? Der Plot ist eine Zwischenwelten-Geschichte von einem Außerirdischen, der auf der Erde gefangen ist und nicht zu seinem Heimatplaneten zurückkehren kann. Eine Spezialeinheit, bestehend aus schlampig-orgiastisch herumfeiernden Engeln und einer ebenfalls in der Zwischenwelt festhängenden Figur, einem lebendig begrabenen Mädchen, vertreibt ihm die Zeit in seinem Wahn, den er durch kontinuierlichen Ginkonsum aufrechterhält. Der Außerirdische sieht so aus wie der späte David Bowie. Das Casting ist wirklich sensationell gut. So gut, dass mir am Ende die Tränchen übers Gesicht kullern, weil es gerade so ist, als wäre David Bowie ein zweites Mal gestorben, als seine Bühnenkopie alias Außerirdischer dann doch noch den Planeten verlässt.
Eine Figur gibt es im Stück, die mich in erschreckendem Ausmaß an mich selbst erinnert. Der Außerirdische hat eine Assistentin, die mitten in ihrer Midlife-Crisis hängt, unzufrieden ist, schon zahlreiche Jobs angetreten und wieder sein gelassen hat, mit einem IT-Experten verheiratet ist (den sie im Laufe des Stückes verlässt, weil sie sich in der Zwischenwelt der kaputten Engel verliert – wollen wir dem Manne wünschen, dass mir das nicht passiert. Bislang habe ich allerdings auch keine kaputten Engel kennengelernt, die wilde Orgien mit mir feiern – also, wer weiß!) und zu Zynismus neigt. Vielleicht gibt es auch einen Phänotyp Frau, der sich so umreißen lässt und der mich dann eben trifft – kinderlose, verheiratete Mittvierzigerin wäre das dann. Während ich also im Musical ständig changiere zwischen Bowie-Fan, Begeisterung, Bewunderung, Identifikationsschrecken und mich ab und zu beim Mitsummen erwische, rutscht meine Freundin nervös auf ihrem Theatersesselchen herum, ächzt und stöhnt, vor allem, als sie wiederholt auf ihre Uhr schaut, und stürzt irgendwann mit einem „Ichwartedraußenichhaltdasnichtmehraus“ hinfort.
Ich lasse mich weiter treiben und gefangennehmen von dem, was im Programmheft so schön umschrieben wird mit:
„Lazarus ist als Reise durch die Psyche des Künstlers konzipiert, dessen Verstand sich angesichts des unmittelbar bevorstehenden Todes zu verwirren beginnt, der erst um Klarheit ringt und dann darum, Frieden zu finden. Live und hautnah mitzuerleben, welche Visionen in dieser unbegreiflichsten aller Ausnahmesituationen David Bowie durch den Kopf rauschten, ist, jenseits vom Scheitern und Gelingen des Kunstwerks Lazarus oder der einzelnen Aufführung, ein Faszinosum, dem man sich schwer entziehen kann.“
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.
