Die Spiegelei-Affäre

Man kennt ja das Bratkartoffelverhältnis. Ganz anders verhält es sich mit der Spiegelei-Affäre. Die fand jüngst in der Firmenkantine statt. Weit und breit bin ich die einzige Vegetarierin der Kantinenkundschaft und deshalb beim Küchenpersonal bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Die Frauen an der Ausgabe und an der Kasse haben das Gemüsemädchen schwer ins Herz geschlossen und machen immer alles möglich, um zwischen carnivorenlastigen Speisen was auf meinen Teller zu bekommen. Schwierig wird es immer dann, wenn der Küchenchef oder sein Stellvertreter an der Ausgabe sind. Da wird stets diskutiert und verhandelt. Dahinter steckt vermutlich grundsätzliches Unverständnis gegenüber Menschen, die so verrückt sind, kein Fleisch zu essen. Zuletzt ging es um: ein Spiegelei. Es gab Leberkäs mit Spiegelei und Kartoffelsalat. Auftritt Harmuth, mit Tablett, von rechts. „Huhu! Kann ich nur Beilagen haben? Spiegelei mit Kartoffelsalat?“ – „HeutemüssenwirScheffragen“, murmelt eine meiner Komplizinnen. Auftritt stellvertretender Küchenchef, von hinten, mit Kochmütze. „Nä! Spiegelei und Kartoffelsalat gibbed nur zusammen mit dem Leberkäs!“ – „Aber den esse ich ja nicht!“ „Isch hab neunzisch Portionen Leberkäs und neunzisch Eier! Isch kann dat nischt so heraus jeben!“ – „Ach, bitte, Chef, Mensch!“, insistiert die Komplizin und schaut mich augenrollend an. Nix zu machen. „Gut“, lenke ich ein, „dann trete ich meinen Leberkäs meinem Kollegen neben mir ab. Ich hab mein Ei, und mit der doppelten Portion für meinen Kollegen ist das Ganze ein echter Deal.“ Damit hatte nun wiederum der Koch nicht gerechnet, aber was bleibt ihm übrig? Die Komplizin schöpft kopfschüttelnd großzügig Kartoffelsalat aus. Am nächsten Morgen muss ich erstmal lachen, denn was liegt in der Brötchenvitrine? Ein Aufgebot an Leberkäsbrötchen. Ich konnte es mir gerade noch verkneifen, einen Brötchendeckel anzuheben, um nachzuschauen, ob denn auch portionsgerecht jeweils ein Spiegelei den Weg ins Brötchen gefunden hat. Mittags dann Unvorhergesehenes. Auftritt Harmuth, mit Tablett, von rechts. „Oooooohhhhh, meine Freundin kommt!“, posaunt die Ausgabefrau gutgelaunt durch den Raum. „Heute haben wir Überraschung für Sie!“ Ich bestelle mein Essen, unkritisch diesmal, Gnocchi mit Pesto, gehe zur Kasse. Dort erfahre ich von der Kassenfrau, dass sich die weiblichen Kräfte an Theke und Kasse am Vortag wegen der Spiegelei-Affäre beim Küchenchef beschwert haben. Sich wegen eines Spiegeleis fürs Gemüsemädchen so anzustellen, das haben sie ihrem mützentragenden Kollegen nicht verziehen. Als Entschädigung bekomme ich mein Mittagessen an diesem Tag gratis. Und freue mich riesig über das Engagement der Ladys und weibliche Solidarität.

Gegen Weißwein statt Fleisch in der Mittagspause hätte ich so manches Mal auch nichts einzuwenden. Leider ist Alkohol im Dienst heutzutage ja äußerst verpönt.

4 Gedanken zu “Die Spiegelei-Affäre”

  1. Als Gemüsejunge habe ich folgende Anekdote beizusteuern: In der Kantine gibt es als vegetarisches Essen Camembert mit Toast, Preiselbeeren, Salat. Ich: Ein Mal den Camembert,bitte. Sie: Ja, das Fleisch kann man auch mal nur abends essen. Ich: Abends esse ich auch kein Fleisch. Sie: Wollen Sie denn dann überhaupt die Preiselbeeren ? Ich: Ja, da ist doch hoffentlich kein Fleisch drin. Sie: Nein, nein. Wollen Sie den Salat ? Ich (leicht ungehalten): Ich wollte das Gericht so wie es gedacht war. Sie (leicht angefressen): Ich wollte ja nur nachfragen, da Sie schon kein Fleisch wollten…

  2. Ein Leidensgenosse. Ich bin erfreut. Für mich ist der große Gap zwischen vegan, ökobio, urbanem Mega-Lifestyle einerseits und der Kantinenrealität andererseits nicht nachvollziehbar. Zwei Extreme, und wir hängen irgendwo dazwischen. Für die Veganer sind wir doof, weil wir mit dem Verzehr Milchprodukten die armen Kühe, Kälber, Hühner etc. schinden, für Kantinenbeschäftigte sind wir schon Aliens, weil wir 24 Stunden am Tag weder in Bärchenwurst noch in Braten beißen.

  3. Da hast Du recht, aber auch ich hatte als Dein direkter Nachbar im Studium noch zu wenig Verständnis. Deine ersten vegetarischen Gerichte bestanden noch aus Pizza Margharita und Kartoffelbrei. Das hatte mich noch nicht überzeugt. �� Gruss, Michael Bölter

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