Abgesehen davon kann man in so einem PR-Beruf alles Mögliche organisieren, von der selbst abgehaltenen Telefonmarketing-Schulung, wofür einen überhaupt nichts qualifiziert, aber der Arbeitgeber kann´s abrechnen, bis hin zum Vorstandsdinner mit Sternekoch. Auch eine Vernissage-Reihe gehörte einmal zu meinen Aufgaben. Zum Kommunikationszirkus paarte sich der Künstlerzirkus, und das eröffnete mir völlig neue Dimensionen beruflich erlebbarer Surrealität. Ein oszillierendes Spektrum an Absurditäten tat sich auf. Einen Fantasyroman könnte man damit füllen.
Beispielsweise war ein echtes, ganzes Auto Teil einer dieser Ausstellungen. Das Auto wurde nicht einfach nur so hingestellt, sondern mit einem Wasserkreislauf versehen, der non-stop durch das Auto hindurchrauschte. So eine Art Mono-Waschanlage. Nach kurzer Zeit bildeten sich im Wageninneren märchenhaft ausgeprägte, feinstziselierte Schimmelpilzteppiche auf den Sitzpolstern, auf dem Schaltknüppel und am Autohimmel. An das sich mit Bakterien, Pilzen, Staub aus der Luft anreichernde zirkulierende Wasser hatte der Künstler nicht gedacht. Das Auto musste wegen Gesundheitsgefährdung entkeimt und das rauschende Wasser regelmäßig mit Antischimmelmittel versetzt werden. Für den Künstler war das sehr schlimm, er hat so eine Art apokalyptische Videostory im Schutzanzug mit Gasmaske daraus gemacht und ins Internet gestellt. Das Auto durfte noch eine Weile stehen bleiben, aber alle hatten immer ein bisschen Angst wegen dem Schimmel.
Für eine andere Ausstellung war als zentrales Element ein kleines Häuschen aus Käse geplant. Der Künstler hatte nach eigenen Angaben in einem Spezialverfahren Emmentaler über mehrere Monate im Kühlschrank sauber ausgehärtet. Zur Umsetzung gelangte das Käseprojekt nicht; man mag sich angesichts des Schimmelautos auch gar nicht ausdenken, was unter dem geplanten Käse-Ausstellungstitel „…started to grow“ daraus geworden wäre. In einer weiteren Fantasy-Episode spielte ein Früchtebrot eine zentrale Rolle: Es wurde während einer Vernissage einem ranghohen Manager in die Hand gedrückt. Von einer Obdachlosen, denn diese schauten bei den öffentlich annoncierten Ausstellungseröffnungen dank der kostenlos ausgeschenkten Weine auch gerne vorbei. Da stand nun die Führungskraft mit einem Früchtebrot in der Hand. „Frau Harmuth, nehmen Sie das mal!“ Das wurde sehr argwöhnisch von Frau Früchtebrot verfolgt. In einem günstigen Moment (Obdachlose mit Beschaffung der nächsten Runde Wein beschäftigt) schob ich es unbemerkt einem Catering-Mitarbeiter unter. Später, auf dem Nachhauseweg, sah ich vor einem Ladengeschäft einen Sonderposten: eine Kiste mit exakt diesem Brot. Immerhin, das muss man der Schenkenden lassen, hat sie versucht, sich erkenntlich zu zeigen. Mit der Frage im Kopf, ob sie vielleicht irgendwann mal für die Führungskraft gearbeitet hat, fuhr ich nach Hause.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.

Genial! 😀 An das schimmelnde Auto erinnere ich mich auch noch, nebst nicht ganz so schwerelosen Steinen, die jedoch wie von Zauberhand verschwanden. LG, Eva
Ja, stimmt – magisch, einfach magisch, das alles!