Kritische Masse

Die Verkehrsadern der Stadt in fester Hand der Radler: Am letzten Freitag im Monat findet in Köln „Critical Mass“ statt. Rudelradeln unter Polizeibegleitung, um anderen Verkehrsteilnehmern, allen voran den Autofahrern, die Masse der Menschen vor Augen zu führen, die die Straßen auf ihren zwei Reifen gleichberechtigt mitnutzen können sollten. Meist schaut es im Radelalltag ja anders aus. Wie oft muss ich bremsen, anhalten, vom Rad springen, ausweichen, weil Autos mich an die Seite drängeln, Autotüren ohne Rückschau aufgerissen werden, Fußgänger ohne zu gucken einfach auf die Straße schlurfen oder Abbieger halt abbiegen, unabhängig davon, was neben oder hinter ihnen so los ist. Vielen Autofahrern ist auch immer noch nicht klar, dass man mit dem Fahrrad im Verkehr bei guten Straßenbelägen locker 20, 25 km/h draufhat und sie deshalb nicht mehr schnell vor der Rad-Resi aus der Parklücke herausfahren sollten. Von E-Bikes ganz zu schweigen. Bei „Critical Mass“ ist es dann einfach mal andersherum, man radelt vor sich hin, ohne für irgendwelche anderen Verkehrsteilnehmer mitdenken und ihre Fehler antizipieren zu müssen, um nicht im Krankenhaus zu landen. In der gestrigen August-Ausgabe des Events sind laut Veranstalter 850 Menschen mitgeradelt. Es geht kreuz und quer durch die Stadt, durch schmale Straßen der Fußgängerzone, aber auch über die mehrspurigen Verkehrsachsen, und alle anderen müssen warten. Warten. Warten. Da gibt es sehr viele rote, wutentbrannte Gesichter im Vorbeifahren zu sehen, Flüche und Verwünschungen aus heruntergekurbelten Autofenstern zu hören, schimpfende Damen an Fußgängerübergängen, die dafür, dass sie einem sonst ständig vors Rad latschen, einfach mal zehn bis fünfzehn Minuten stehenbleiben müssen, bis das ganze Feld durchgeradelt ist. Das hat, muss ich sagen, einen irren Spaß gemacht. Man lässt alle anderen sprichwörtlich einfach mal stehen. Die Stimmung in der Truppe, die sehr gemächlich und gemütlich vor sich hin pedalierte, war sehr locker und teils fast andächtig, kein großes Geschrei und kein Theater. Entspannt waren auch die Polizisten, die von den Critical Mass-Leuten „Team Blau“ genannt werden, und sich interessiert im Gespräch im radelnden Pulk mitbewegten. Die Stadt und die Straßen gehören allen – diese Botschaft demonstriert das monatliche Rudelradeln ebenso eindrücklich wie unaufgeregt.

Wehe, wenn sie losgelassen: Aus einem einsamen Rad werden bei Critical Mass Hunderte, die sich im Pulk durch die Stadt bewegen. Das macht richtig Eindruck.