Zweirädriges Weltraum-Insekt

Nach zaghaften Erstversuchen 2015 und Ausrüstungs– und Wetterreinfällen 2016 kommt langsam Routine in das Rasen auf schmalen Reifen: Rennradfahren. Zwar bleiben manche unliebsamen Dinge wohl weiterhin erhalten, die Probleme mit der Route beispielsweise, in der Eifel ebenso wie im Bergischen Land, oder optische Fragwürdigkeiten: Bei „Der beste Tag der Welt“ auf 1Live wurde dem gemeinen Fahrradhelmträger neulich attestiert, auszusehen „wie ein lächerliches Weltraum-Insekt“. Dem stimme ich zu und als ein solches fühle ich mich auch oft, mit der hautengen Kluft, dem Polsterpopo, den fest mit dem Fahrrad verbundenen Füßen, der angeschrägten Brille und eben dem Helm. In der Ebene vorbeirauschend an auf Tourenrädern schunkelnden und schaukelnden Familien oder Rentnertrüppchen und in der Steigung im Abgas der zu eng entlangzischenden Autos keuchend.

Zu klingeln brauche ich mit dem Rennrad im Straßenverkehr meistens nicht, da das Fahrradnavi äußerst kommunikativ ist und durch sein ständiges Gepiepe (es piept, wenn abgebogen werden muss, wenn man sich einer Kurve nähert, wenn man von der Route abgekommen ist, wenn man wieder zur Route zurückgefunden hat – es piept also eigentlich non-stop) die Umwelt ausreichend über ein sich näherndes Rennrad-Alien informiert. Mit der Orientierung und der Route funktioniert es am allerbesten auf Streckenabschnitten, auf denen man das Navi an sich gar nicht bräuchte: Landstraße, gradeaus, ins Kaff rein, aus dem Kaff raus, Wald, Maisfeld, nächstes Kaff undsoweiter. Im Stadtverkehr hingegen, zu Tourenbeginn oder -ende durch Köln hindurch, ist es die Hölle mit dem Navi und man steht an jeder dritten Kreuzung, um sich zu vergewissern, ob das Piepen jetzt Abbiegen, Kurve, bereits falsch abgebogen oder zufällig wieder zur Route zurückgefunden signalisiert. Manche Situationen sind dann einfach nicht zu lösen, auch nicht durch begleitende Google Maps-Lokalisieraktionen, weil der dem Navigepiepe und dem GPS-Track zugrundeliegende Routenplanermensch offenbar irgendwelche Schleichwege kennt, die dem nicht stadtteilkundigen Weltraum-Insekt verborgen bleiben. Das führt dann zu Situationen, die der Mann und ich mittlerweile stoisch und mit großer Gelassenheit ertragen, die großen Augen und fragenden bis verächtlichen Blicke der Umwelt einfach ausblendend.

So haben wir etwa jüngst einen Sportplatz umrundet, wegen des sandigen Belags nicht auf, sondern neben unseren Rennrädern, zu Fuß. Wir mussten durch irgendein Jugendturnier mit angeschlossenem Sportplatzfest hindurch, alles voller Kinder, Grillwurstschwaden, Bierbänke, Getränkebuden, Luftballons. Hinter dem Tumult, am Ende des Sport- und Festgeländes, zurück auf asphaltierter Industriegebietsstraße: piiiiiieppiiiiiiiieppiiiiiiiiiep! Das Fahrradnavi freut sich nen Keks, wir sind wieder auf der Route! Der Mann und ich sind auch schon mal oberhalb von Altenahr auf einem mit „Eifelverein Höhenweg Nr. 10“ gekennzeichneten Pfad mit spitzen Steinchen gelandet, damals noch mit den Alltagsrädern. Die haben wir dann auch ein Stück geschoben, bis wir immerhin den Rotweinwanderweg mit etwas besserer Wegbeschaffenheit gefunden hatten. Das war wirklich auch kein schlechter Auftritt, mit den normalen Straßenrädern inklusive Gepäckträger-Körbchen auf dem holprigen Burgruinenpfad klingelnd an Rotweinwanderweg-Wochenendtouristengruppen vorbeizurattern. Wir hoffen einfach, dass uns derartige Irrungen mit den empfindlichen Rennrädern erspart bleiben und wir uns mit diesen immer nur auf asphaltierten Straßen verfahren. Schlimmstenfalls muss man eine freudig, aber versehentlich hinabgerauschte Abfahrt mühsam wieder hinauf.

Ansonsten versuchen wir es im Frühjahr 2017 mit einer geführten und durchorganisierten Rennrad-Gruppenreise rund um Granada. Da kann man zwar das Navi zu Hause und was die Orientierung betrifft das Gehirn ausgeschaltet lassen, aber das Fahren in der Gruppe birgt dann noch einmal ganz neue Herausforderungen: Es gilt Handzeichen zu lernen, von hinten nach vorne muss „Auto!“, von vorne nach hinten „Schlagloch!“ durchkommuniziert werden und wie beim Kindergartenausflug hat sich der Trupp immer brav in Zweierreihen zu bewegen. Neulich habe ich mich in meinem Bürokleidchen auf dem Alltagsrad in einen Scuderia-Ausfahrttrupp für ein Stück in der Stadt reingeradelt, mit den Schlussjungs gequatscht und so gleich die Zweierreihe durcheinandergebracht. Ab 16 Teilnehmern gilt ein solches Rad-Rudel als eigenständiges „Fahrzeug“, deshalb darf der Rest auch immer noch bei Rot über die Ampel, wenn die Ersten bei Grün druchgefahren sind. Ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob dieser Sachverhalt dem gemeinen Auto- und Lkw-Fahrer hinreichend bekannt ist. Bei der letzten Critical Mass in Köln bildeten die angeblich teilnehmenden 850 Radfahrer ein sehr, sehr umfangreiches eigenständiges Fahrzeug. In dem Maße, wie die zum Warten gezwungenen motorisierten Verkehrsteilnehmer (es dauert ein paar Ampelphasen, bis so ein Pulk“fahrzeug“ durchgeradelt ist) die jeweils die Kreuzung absperrenden Polizisten anpöbelten, schien mir diese Regel doch weitgehend unbekannt. Ich freu mich heute schon auf die unsicher durch die Sierra Nevada eiernden deutschen Touristen in ihren Mietautos und ihre Reaktionen, wenn eine Rennrad-Gruppe geschlossen über die Kreuzung fährt und sie zum Warten zwingt.

Unbekanntes Weltraum-Insekt oberhalb von Andernach gesichtet!