Das Glück in Stiefeln

Wanderschuhe an, Rucksack auf, auf den Berg rauf – das ist überhaupt das Größte. Bei nichts anderem kann ich besser entspannen, nach keiner anderen Aktivität besser schlafen. Außer ein paar Flattermännern trifft man in der Regel auf Bergtouren kaum Lebewesen, schon gar keine Zweibeiner. Und wenn doch, dann sind das umgängliche, freundliche Menschen, mit denen man gemeinsam die Aussicht am Gipfel genießen oder Bergtourentipps für den nächsten Tag austauschen kann.
Der Weg nach oben ist oft wahnsinnig anstrengend, die mehr als 1.000 Höhenmeter gibt es in den Alpen eben überwiegend am Stück, nämlich als Aufstieg zu Beginn. Nicht-Wanderer verstehen nicht, was man daran finden kann, stundenlang über Stock und Stein steil bergauf zu stapfen. Erst sanft ansteigend am Hang, dann steil durch den Wald, bis über die Baumgrenze hinweg, und den Rest im Fels, oft unter Zuhilfenahme von Händen und wenn es gut geht von Ketten und Seilen, die Vereine an ausgesetzten Stellen angebracht haben. Die Belohnung nach stundenlangem Schwitzen und Schnaufen ist es, gefühlt in den Wolken zu sitzen und auf die Welt hinunterzuschauen. Den Punkt auszumachen, ganz, ganz weit im Tal unten, an dem man gestartet ist, an dem man je nach Tour die Autos auf dem Parkplatz winzigklein bunt in der Sonne glitzern sieht wie Mosaiksteinchen. Und sich darüber zu freuen, was dieser menschliche Körper aus eigener Kraft so alles schafft, mit zwei Beinen und Füßen diese Höhe und oft auch zusätzlich ordentliche Strecke zu überwinden.
Der Preis sind ziehende Knie, vor allem beim Abstieg, iltisartiger Gestank, weil man mal wieder zu geizig war, in ein weiteres geruchsneutralisierendes Icebreaker-Merinowollshirt zu investieren, Fußpilz an allen möglichen Zehenstellen, aber was soll´s. Am nächsten Tag wird wieder die Trinkflasche befüllt, werden die durchgelüfteten und hoffentlich getrockneten Wanderstiefel geschnürt, wird Sonnenschutz ins Gesicht geschmiert und es geht wieder los: auf den nächsten Berg, in die nächste berauschende Gipfelsituation, zur nächsten Hütte, in die nächste glückliche Ermattung.
Reinhold Messner, verrate mir, wie man damit so viel Geld verdient, dass man eine Stiftung und fünf Museen füllt, und ich trete in deine Fußstapfen. Sprichwörtlich.

Oben! Auf einer Höhe mit den Drei Zinnen. Andere Berge liegen einem zu Füßen – vor denen man später im Tal wieder ehrfürchtig stehen und ihre Massivität bestaunen wird.

Das Ziel an diesem schönen Tag liegt ganz links oben im Bild, der Sarlkofel. Diese freundliche Kuh war sehr gesellig und lief ein Stück, bis zum Wald, mit uns mit. Und muhte dann traurig, als wir ohne sie weitergehen mussten.

Immer weiter rauf, über Stein, Fels, Tritte und Geröll. So klein und nichtig ist der Mensch am Berg, wie es auf diesem Foto ausschaut. Und noch kleiner und nichtiger ist all das, womit man sich sonst jeden Tag herumschlägt.

3 Gedanken zu “Das Glück in Stiefeln”

  1. Sitze im Bonn im Büro, viele Ärger und schlechtes Wetter. ich beneide Dich gerade sehr, liebe Melanie!

  2. Hey Uwe, wir teilen dieses Schicksal. Ich sitze auch seit Montag wieder in meinem Käfig. Also im Büro. Immerhin lege ich keine giftigen Eier… Viel lieber wäre ich auch nach wie vor in Südtirol und an irgendeinem schroffen Hang unterwegs. Liebe Grüße!

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