Schürzenterror

Um die Ecke vom Büro hat ein Italiener aufgemacht. Der letzte Italiener hatte aufgegeben, es gab Munkeln über Schutzgeldgeschichten. Das Lokal stand lange leer, dann war es lange eine Baustelle mit sehr mäßigem Baufortschritt, jetzt also neuer Glanz mit neuem Italiener. Die Kollegin und ich wissen, dass dem Restaurant ein teurer Ruf vorauseilt, setzen aber auf bezahlbare Mittagsangebote.

Ich bekomme die Tür nicht auf. Von innen stürzen drei beschürzte Kellner (gestärkte Schürzen) auf die Tür zu. Erster Gedanke: Den Schürzen nach wird´s auch mit dem Mittagstisch teuer. Soll sich bewahrheiten. Die drei Beschürzten machen großes Gewese, Buongiorno, Signora hier, Signora da, Grazie, Prego, hahahahahaha, sie sind aber glaube ich gar nicht unbedingt Italiener. Könnten auch Albaner oder Kroaten sein, sind sie wahrscheinlich auch. Für das durchschnittliche Ich-bin-beim-Italiener-Gefühl des Deutschen sollte es aber reichen. Der Laden ist voller Kellner, überall gestärkte Schürzen, soweit das Auge reicht. Mindestens zwei bis drei fliegen ständig um unseren Tisch herum, es ist hektisch, gleich wird die große Flipboard-artige Tafel heran-, mehr oder weniger die Kollegin, die gerade Platz nimmt, damit überrollt. Leider nehmen wir keinen Apéritif. Deutlicher Minuspunkt, zuckende Augenbraue bei der Schürze. Damit sind wir die Einzigen. Aber wir sind auch die einzigen Gäste, die noch arbeiten müssen an diesem Nachmittag und die überhaupt arbeiten.

Die bestellte Wasserflasche steht kaum auf dem Tisch, da sie im Sekundentakt von einer der Schwarmschürzen aus dem nicht abreißenden Strom aufgenommen, aufgeschraubt, milliliterweise in die beiden Gläser gegossen, zugeschraubt, hingestellt wird. Die Kollegin und ich reagieren mit Reizüberflutung. Als wir endlich unsere Teller vorgesetzt bekommen, sind wir fast erleichtert, da wir jetzt aus Sicht des Kellnerkollektivs erst einmal beschäftigt und versorgt sind und keiner weiteren Zuwendung in Form von Wassernachgießen oder Signora hier, Signora da bedürfen.

Der Laden füllt sich weiter. Die Kollegin und ich bleiben die Exoten. Außer uns nur sehr wohlhabende sehr alte Menschen. Links von mir ein deutlich hörbares Lungenproblem, nasser Husten heißt das glaube ich, zum Glück war die Nudelportion so übersichtlich, dass ich bereits das Besteck beiseitelegen konnte. Den Anstandsespresso gönnen wir uns noch, und ich wundere mich beim Nippen mal wieder darüber, wie viele sehr reiche sehr alte Menschen es gibt in diesem Land. Die paar wenigen Prozent der Bevölkerung, die in ARD-Schaugrafiken immer auftauchen, die den Großteil des Vermögens besitzen.
Werde ich in diesem Leben nicht mehr schaffen. Aber in diesem Leben vermutlich auch nicht mehr zu diesem Italiener gehen. Mal sehen, wie lange der durchhält.