Amazon for Beginners

Ständig nehme ich mir vor, nicht mehr online einzukaufen. Weil es so eine Plage ist, dieser ganze Logistikkram, die Versandtätigkeiten, die man dem Lieferanten, vor allem Amazon, wenn man dort bestellt, abnimmt, am Ende ist eh alles anders, man schickt mindestens die Hälfte wieder zurück und hat länger gebraucht und mehr ausgegeben, als wenn man in die Stadt gefahren wäre. Teils bin ich erfolgreich mit meinem Vorsatz. Ich bilde mir ein, nicht mehr so viel online zu bestellen wie noch vor ein paar Jahren. Neulich wurde ich aber wieder schwach.

Je älter ich werde, umso mehr neige ich zum „Praktischen“. Das ist ja eigentlich ein Schimpfwort, wenn man über mittelalte Frauen sagt, sie seien „praktisch“. Praktische Kurzhaarfrisur. Praktische flache Schuhe. Praktische Outdoorjacken. Jetzt die Anschaffung einer praktischen Kulturtasche. Eine, in die man gut hineinschauen, die man von vorne öffnen kann und in der Dinge aufrecht stehen bleiben, so dass man auch wenn man wirklich keinen Bock mehr hat, sich spätabends abzuschminken und die Zähne zu putzen und wo war jetzt nochmal und ach Mist alles kullert durcheinander kramkramkram kramkramkramkramkram Wattepads suchsuchsuchsuchsuch man kippt die ganze Tasche aus, irgendwas geht zu Bruch, was man sucht, hat man wohl vergessen einzupacken. Taucht zu Hause beim Ausräumen in einem versteckten Seitenfach auf. Das soll jetzt mit Anfang 40 besser werden.

Ich bestelle bei Amazon, nachdem ich zahlreiche sehr detailverliebte Rezensionen von diversen reisefreudigen Männern rezipiert habe, zwei verschiedene Taschen. Einer schreibt immer davon, ob und wenn ja wieviele Tetrapaks Milch in den jeweiligen Kulturbeutel passen. Duschbad- oder Shampooflaschen wären irgendwie eine kompatiblere Vergleichsgröße gewesen. Milch nehme ich jetzt nicht so oft mit. Vielleicht duscht der mit Milch?

Böser Fehler: Ich klicke zu schnell. Sehe zu spät, dass es zwei verschiedene Lieferanten (Versandkosten!) sind. Und, oh Schreck, oh nein, bei beiden Lieferanten ist die Lieferadresse nicht die Packstation, sondern die Wohnadresse. Benachrichtigungskärtchen (warum kann man die Sendungen eigentlich immer erst ab 11 Uhr am nächsten Werktag abholen, liebe Deutsche Post?), Schlangestehen in der Filiale, weil man nicht zu Hause ist, wenn der Postmann zweimal klingelt. Ich versuche mich sofort in Schadensbegrenzung und ändere bei beiden Lieferanten die Lieferadresse. Dazu muss ich alles Mögliche neu eingeben, die wunderbare IBAN und BIC inklusive. Ich rege mich schrecklich auf und will schon alles wieder löschen, dazu habe ich mich jetzt aber schon wieder zu lange mit dem ganzen digitalen Liefermist beschäftigt. Amazon schreibt, Glückwunsch, Lieferadresse geändert, grünes Häkchen, super, Harmuth, wird beides an die Packstation geschickt! Ich komme zwei Tage später nach Hause und habe ein Benachrichtigungskärtchen im Briefkasten. Ich muss für die Rücksendung der Kulturtasche, die ich nicht behalte, 3,50 Euro Versandgebühr an Amazon bezahlen. Da habe ich wohl echt was verpasst. Seit wann nimmt Amazon für Rücksendungen Geld? Nächstes Mal fahr ich in die Stadt. Ganz bestimmt.

Man sollte einfach den Local Dealer unterstützen. Hier hätte ich zum Kulturbeutel sogar noch ebenso praktische wie dekorative Holzgeschlechtsteile dazu erwerben können. Die bringen Glück.

PS: Ich habe mich vor genau zwei Jahren schon mal mit „Lost in Logistics“ und den Online-Bestellabenteuern beschäftigt. Vielmehr: daran abgearbeitet. Auch den Vorsatz mit dem offline Einkaufen gab es damals natürlich schon.