Wir sind noch keine fünf Meter im Wald, des Sonntags im Kölner Königsforst: der Mann, ein Körbchen, ein Messer und ich. „Soooorrrryyy!“, tönt es von hinten, „tschuldigung, aber ihr seht aus, als würdet ihr euch mit Pilzen auskennen? Was sind die beiden denn hier für welche?“ Ein junger Mann hält mir zwei kleine Pilze unter die Nase, er und seine hochschwangere Freundin schauen mich erwartungsvoll an. „Der eine ist eine Marone, der andere nicht, aber essen kann man den vermutlich auch.“ – „Ah, naja, dann! Super, danke!“ – „Also, du bist hochschwanger“, sage ich zum Mädel, „ich weiß nicht…“ – „Ich ess dann einfach den, bei dem du dir sicher bist, und mein Freund den anderen.“ So. Wäre das geklärt. Im weiteren Verlauf des Nachmittags, den der Mann und ich überwiegend im Gestrüpp verbringen, werden wir immer wieder angesprochen. „Oh! Du sammelst Pilze! Komm doch bitte mal mit und guck dir einen an, bei dem ich mir nicht sicher bin!“ Ich bin mir auch nicht sicher. Zu Hause stellt sich heraus, man hätte ihn mitnehmen können. Beim nächsten Mal.
Taschen werden mir unter die Nase gehalten, ich solle doch bitte mal schauen, ob die Pilze drinnen alle in Ordnung seien, auf dem Weg kreuzende Pärchen beschreiben mir „riesige Pilze, braun, so konisch – hätte man die mitnehmen können?“ Weiß ich nicht. Ungefähr alle Pilze sind irgendwie und irgendwann braun und konisch. „So! Gehst du zur Großmutter!“, ruft mir eine ältere Dame später entgegen. „Siehst aus wie das Rotkäppchen!“ Gerade, als ich ihr geantwortet habe, dass ich nur noch auf den Wolf warte, biegt ein Pärchen mit wolfsähnlichem Hund um die Ecke. Hätten wir das auch erledigt. Die ältere Dame erzählt, sie habe in Bayern gelebt, da hätten sämtliche Bekannten den Sommer im Wald verbracht, um körbeweise Eierschwammerl zu ernten. „Ach, das war immer herrlich. Eierschwammerl, Butter, Schuss Sahne – ein Gedicht. Aber selber hab ich mich nie getraut, Pilze zu sammeln, ich hab sie immer nur gegessen.“ Sie schaut in meinen Korb. „Sehen Sie, würde ich mich nie trauen.“
Eine vorbeiradelnde Frau ruft entzückt aus: „Piiiiilze! Da muss ich mal schauen!“ und legt neben meinem gefüllten Körbchen eine Vollbremsung hin, gefolgt von einem vorwurfsvollen „MAMA!“ ihrer nachfolgenden Tochter, die damit nicht gerechnet hat. Fast gibt es einen Familienfahrradunfall. Die zweite Tochter und der liegeradfahrende Vater halten ebenfalls an. Die versammelte Familie schaut in das Pilzkörbchen. Zum gefühlt zweihundertsten Mal an diesem sonnigen Nachmittag im Wald erkläre ich die Auslage: hier die Maronen, das da sind Steinpilze, die roten hier kann man vermutlich auch essen, muss ich nochmal nachgucken, und bei denen da weiß ich es nicht. Aha! Soso! Steinpilze, jaaa! Toll! Die Familie radelt weiter. Bislang war ich im Glauben, um als Pilzbestimmer durchzugehen, müsse man pensionierter Oberstudienrat mit weißem Stoppelbart sein, kariertes Outdoorhemd, der außer 726 heimischen Pilzarten auch gleich noch alle umstehenden Bäume bestimmen kann. Ich habe gelernt: Braucht es nicht. Ein Körbchen am Arm sonntagnachmittags im Stadtwald und drei bis vier Pilzarten reichen völlig aus.
Ich schicke meiner Mutter das Steinpilz-Foto. Sie schreibt zurück: „Siehst aus wie das Rotkäppchen.“
| Wäre ich ein Mann, würde ich hinschreiben: Ich hab den größten! (Steinpilz natürlich) |
| Wurden ausgiebig bestaunt: gesammelte Waldwerke |
| Das hätten wir auch geklärt. Der im Wald unklare Genosse darf auch mit ins heimische Tiefkühlfach. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.