Außer Spesen nix gewesen

Dilletante. Das wird bleiben. Entweder in der Deutung von: nicht geschafft oder: schlecht vorbereitet. Die teure Rennradreise war jedenfalls ein Reinfall und ich der Anstrengung nicht gewachsen.

Ligurien, die Region um Genua in Norditalien, ist wildromantisch und mit sanften, mit pastellfarbenen Häusern gesprenkelten Hügeln sehr schön. Das konnte ich wirklich genießen, vor allem an den beiden Tagen, an denen ich entspannt in der Sonne an der Promenade von Chiavari und nicht im Rennradsattel saß. Die beiden Tage zuvor, an denen ich versucht hatte, frei nach Jogi Löw „mit högschder Konzentration“ mit der „entspannten Cappuccino-Gruppe“ mitzuhalten, waren das Gegenteil: purer Stress. Alle anderen Radlerinnen und Radler viel schneller als ich, viel geübter, ich immer hinten, schnaufend, strampelnd, abgehängt, frustriert. Ich erlebte eine körperliche Anstrengung, eine Überforderung, wie nie zuvor. So viele Höhenmeter kenne ich nur vom Wandern, nicht vom Rennradfahren. Stehenbleiben und absteigen will ich natürlich nicht, das macht aber alles noch schlimmer. Irgendwann geht gar nichts mehr und die Harmuth steht kaputt, schlotternd und heulend am Straßenrand und muss abgeholt werden. Game over.

Es bleiben mir italienische Impressionen: Bei Ankunft mit dem riesigen Rennradkoffer plus Klamottenkoffer am Genueser Bahnhof schauten mehrere jüngere Männer interessiert zu, wie wohl die alleinreisende mitteltalte Touristin das Gepäck in den natürlich nicht barrierefreien Regionalzug bugsieren würde. Ein sehr alter, sehr buckliger kleiner Herr kam angeschlurft, sagte sehr leise: „Lei aiuto“, „ich helfe Ihnen“, und packte mit all seiner Kraft mit an. Die Jüngeren schauten weiter zu. Ich habe den alten Herrn vor Dankbarkeit mit Tränen in den Augen umarmt, dabei ist er fast zerbrochen.

Andersherum war es mit Renato, da hatte er die Tränen in den Augen. Renato hat ein Promenadencafé in Chiavari – und vor langer Zeit in Bonn gelebt. Er erzählt mir, immernoch in fließendem Deutsch, wie er in der damaligen Hauptstadt voller gut situierter Diplomaten und Beamten auf der Godesburg gekellnert hat. Wie ihm reiche Damen 500 DM Trinkgeld zusteckten, welche Gelage die stets ausgebuchten Rittermahle waren, bei denen er angehalten war, die Rotweingläser niemals leer werden zu lassen. Ich werde Renato eine Postkarte mit Godesburg-Motiv senden, wenn ich das nächste Mal in Bonn sein werde.

In der Trattoria da Ivo habe ich allein einen Abend verbracht, mit der Gruppe einen zweiten. Am ersten Abend habe ich die ganze Familie kennengelernt, wurde zum namensgebenden Ivo in die Küche geschleppt, mit Hausmacherschnaps abgefüllt, am zweiten mit Baci begrüßt und umarmt wie eine alte Freundin. Vermutlich hätte ich direkt einheiraten und für immer in Chiavari bleiben können.

Bei 1Live gab es über lange Zeit einen O-Ton-Chart mit einer Aufnahme aus einem Cockpit. Eine ältere Herrenstimme sagt: „Drei – zwooo – eiiins – – – – Abbruch, Abbruch, Abbruch!“ Daran habe ich mich gehalten und nach zwei Tagen Nicht-Mithaltenkönnen auf dem Rennrad inklusive Zusammenbruch und gefühlt ausgekotzter Lunge einen früheren Rückflug gebucht. Eine für Juni geplante Gruppen-Rennradreise in der Eifel habe ich gleich mitstorniert.

Die letzte Herausforderung, vor der ich nun mit meinem Rennrad stehe, ist: es zu verkaufen. Also, wenn jemand Interesse hat oder jemanden kennt, bitte Bescheid sagen. Die Harmuth geht wieder Bergsteigen und bleibt beim Indoor-Cycling.

Reiseblog des Rennradreiseveranstalters

Mein langer Leidensweg mit dem Rennrad, zwar keine 14 Stationen, passt aber trotzdem gut so kurz vor dem Karfreitag:
Dilettante
Rennrad, vom Trauma zum Flow – RTF
Mallorca, die Insel der Exzesse
Zweirädriges Weltraum-Insekt
Rasender Marquis statt Rennradfieber
Die schillernde Welt der Fahrradkette
Das erste Mal Rennradfahren

Schon am ersten Tag immer mit rot leuchtendem Kopf, passend zum Jäckchen, ganz hinten und ohne die geringste Freude an den Höhenmetern. (Foto: quaeldich)

Die „entspannte Cappuccino-Gruppe“. Alles Cracks. Bis auf die Dritte von links – die stieg später am Tag erst aus ihrem Nervenkostüm und dann aus dem Rennradfahren aus. (Foto: quaeldich)

Aus dem Touriprogramm, mit der Bahn statt mit dem Rad absolviert: Blick auf Vernazza in der Cinqueterre
Eine der vielen schönen Fernsichten entlang der ligurischen Küstenstraße

2 Gedanken zu “Außer Spesen nix gewesen”

  1. Haaach, Harmuth,
    Rennrad verkaufen aus diesen Gründen geht doch garnicht! Hier eine paar neunmalkluge Ratschläge, um auf dem Renner Spaß zu haben:
    – flach fahren, geht auch rund um Köln
    – schönes Café mit lecker Kuchen als Zwischenziel
    – Karte mitnehmen! Die piept auch nicht dauernd.
    – Spinning ist kein Training für Berge
    – oder einen alten Freund aus Bonn fragen.

  2. Lieber alter Freund aus Bonn, zu spät, mein Wolfgang – das Rad ist verkauft. Am Ostersonntag wurde es von zwei schnittigen rennradbegeisterten Jungs in ihren Zwanzigern abgeholt. Ich hatte ein sehr gutes Gefühl dabei, ein viel besseres als ich es jemals auf diesem Rad hatte. Rennradfahren ist einfach nix für mich, das war die Quintessenz der ligurischen Misere. Dass Spinning kein Training für Berge ist, DAS habe ich jetzt auch gelernt. Mit Schweiß und Tränen, nur Blut floss keins.

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