Alpabtrieb

„Hier im Kleinwalsertal heißt das Alpabtrieb, nicht Almabtrieb“, korrigiert großmännisch einer der beiden Bergführer meiner Wanderreise. „Das liegt an der Erstbesiedelung des Tals durch die Walliser, also Schweizer, und dort sind das eben Alpen und nicht Almen.“ Mitten durch meine Wanderwoche mit dem Alpenverein verlief also diese Kuhgrenze: Vorher Kühe auf der, nun ja, Alm und das wunderbar meditative Glockengeläut, danach geisterhafte Stille beim Wandern. Zumindest was die Vierbeiner angeht.

Denn die glockenlose Stille konnte ich nur erleben, wenn ich mit bestimmten Menschen aus der insgesamt 20 Personen umfassenden Wandergruppe unterwegs war. Mit denen, die es aushalten, auch mal zwei Stunden einfach nichts zu sagen und so in diesen wunderbaren monotonen Trott des Wanderns zu fallen, der Urlaub für die Sinne ist und zu tiefer innerer Ruhe führt. Deshalb wandert man ja eigentlich. Viele wissen oder wollen das aber nicht und quatschen jegliche Ruhe mit ihrem belanglosen Alltagsgesülze oder Fachreferaten des jeweiligen Berufsgebietes zu.

Jeden Tag wurden zwei verschiedenene Wanderungen angeboten, eine einfachere, eine anspruchsvollere. Leider sind Menschen nicht sehr gut darin, sich vorzustellen, was die in der Reisebeschreibung erwähnten Stichworte „Schwindelfreiheit“, „Trittsicherheit“, „Erfahrung und Kenntnisse im Bergwandern“ bedeuten. Ein Mitreisender war noch überhaupt nie in den Bergen wandern und ich sah immer zu, dass ich den im Abstieg nicht hinter mir hatte. Der brachte nämlich gefühlt jeden Stein und den halben Hang ins Rollen. Zwei Mitreisende bekamen Schweißausbrüche, wenn es auf schmalem Pfad am Fels entlang ging. Eine hatte gar Höhenangst und ist in diesem einwöchigen Urlaub glaube ich gleich mehrfach gestorben.

Bergführer Nummer zwei machte in der Gemengelage uns drei, vier routiniert und schweigsam den Berg hinauf- und wieder hinunterstapfenden Menschen schnell als „Gipfelstürmertruppe“ aus und freute sich immer, wenn er es bei der morgendlichen Tourenauswahl und entsprechenden Aufteilung mit uns zu tun hatte. Dann gab es nämlich eine richtige Bergtour. Für den letzten Tag war so auch inoffiziell der Aufstieg auf den Ifen, einer meiner absoluten Lieblingsberge, geplant. Das klappte dann nicht, weil sich morgens eine weitere Person entschloss, bei unserer Tour mitzugehen. So sind es dann die Hammerspitze, die Kuhgehrenspitze und die Kanzelwand geworden, wobei sich Person X nach dem ersten Gipfel zum Abstieg ins Tal verabschiedete und der harte Kern den Rest in Angriff nahm.

Noch nie hatte ich bei einem Bergwanderurlaub in den Alpen ein solches Glück mit dem Wetter: eine Woche lang herrlichster Sonnenschein, blauer Himmel, klare Sicht ohne jegliche Wolken, ohne Nebel, Dunst oder dergleichen. Gepackt hatte ich anders. So wurde die eine kurze Hose, die ich ganz zuletzt noch schnell in den Koffer geworfen hatte, zum Star der Woche, und das ganze Daunenzeug kam höchstens beim abendlichen Gruppentreffen auf der Hotelterrasse zum Einsatz. Erkältet habe ich mich trotzdem. So konnte ich leider gegen Ende der Woche nicht mehr sprechen. Das war vor allem deshalb schlimm für mich, weil in der Truppe einige ältere Herren dabei waren, allesamt vom Militär bzw. der Bundeswehr, die meinten, in allem recht haben, alles allen anderen immer ungefragt erklären und den polternd-rummsigen Ton angeben zu müssen. Solange ich noch sprechen konnte, habe ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit – für die Militärjungs sagen wir mal: quergeschossen. Dass es nicht Fructuarier und Pescuarier heißt, sondern Fructarier und Pescetarier, dass das nicht alles Idioten sind, bloß weil sie kein Fleisch essen, dass die Röhrenpilze im Wald nicht die sind, bei denen man Unverdauliches bis Schlimmeres befürchten muss, sondern die Lamellenpilze, dass ich beim Aufstieg im lauschigen Wald nicht stundenlang mit der Militärgeschichte Europas von der Haubitze bis heute beschallt werden möchte, dass die Wanderstöcke beim Aufstieg bitte nicht waagrecht nach hinten gehalten werden, weil ansonsten der oder die Nachfolgende Gefahr läuft, das Augenlicht zu verlieren. Vielleicht war das auch ein gezielter Angriff, wer weiß, oder der Versuch, die impertinent schnaufende Gipfelharmuth auf Abstand zu halten, die aber stets noch genug Atem fand, um zu widersprechen.

Immerhin hat mich diese wunderbare Bergwoche mit dem Thema Gruppenreisen versöhnt. Ganz nach dem Motto „Aller guten Dinge sind drei“ fühlte es sich in diesem Anlauf wirklich wie Urlaub und nach Entspannung an, anders als bei den ersten beiden Erlebnissen auf Madeira und mit dem Rennrad in Italien.

Der Alpabtrieb mit p. Mir taten die Kühe furchtbar leid. Sie wurden so durchs Tal gejagt, dass sie nur Stress und Angst hatten. Und am Ende wartete der doppelstöckige Viehtransporter. Kühe, freut euch schon jetzt auf den nächsten Almsommer mit m.

Das Wildental
Blick vom Grünhorn auf den diesmal leider nicht bestiegenen Ifen. Links unten die Schwarzwasserhütte. Ifi, ich komme wieder!

Rast an der Fluchtalpe

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