Wir schaffen das… so medium, vielleicht

Wann steckt das erste Messer in meinem Rücken? Von einer aggressiven Oma etwa, die findet, sie käme nicht mit ausreichend Abstand an mir vorbei. Ich stehe auf einem gottverlassenen, wüstenleeren Gehsteig. Sie lauert in ein paar Metern Abstand mit Hund und Fahrrad und wartet auf Freigabe des ihrer Ansicht nach durch meine Wenigkeit blockierten Bürgersteigs. Oder von der nicht minder aggressiven, aber gleich betagten Dame, die es unmöglich findet, dass ich unter Nutzung derselben Biosphäre wie sie aus der Bäckertür heraustrete. Einfach so heraustrete. Angesprochen werde ich von beiden mit einem passiv-aggressiven „HALLO?!“. Vielleicht hätte ich vorher einen Signalruf absetzen müssen? Oder ein anderes Raum-Zeit-Kontinuum nutzen?

„Vorsicht, Vorsicht, bitte treten Sie sofort mindestens zwei Meter von der Eingangstür zurück, in wenigen Sekunden wird ein menschliches Wesen dieses Ladengeschäft verlassen. ZURÜCKTRETEN, BITTE! DAS SUBJEKT TRÄGT KEINEN MUNDSCHUTZ, womöglich ist es kontaminiert, infektiös und eine regelrechte Corona-Schleuder! LEBENSGEFAHR!“ Dieser Ruf eilt mir momentan offensichtlich voraus, wo ich gehe und stehe. Ältere Damen sind besonders anfällig für dieses Signal. Ich stehe weder unter Quarantäne noch mache ich irgendwas Besonderes. Ich rücke keiner auf die Pelle. Ich huste nicht. Ich röchle nicht. Ich bin einfach nur da. Ich atme ein, ich atme aus. Das reicht im Moment schon, um Mitmenschen erheblich zu stören. Der Bäcker um die Ecke hat seinen Verkaufsbereich umgebaut. Dort sieht es jetzt so aus, als handele es sich um ein hochsteriles Speziallabor, in dem keimfrei die nächste Generation Killerviren herangezüchtet wird, versteckt in Laugenbrötchen (Kann man diesen Witz jetzt echt bringen? Killerviren? JA, KANN MAN!). Bevor man reingeht zum Bäcker, empfiehlt es sich, durch die Glastür genau abzuzählen, wie viele Personen sich dort bereits aufhalten. Zählt der Verkäufer hinter der Theke mit? Dann stimmt die Anzahl drinnen schon vorher nicht. Was ist mit dem Hund und dem Baby im Kinderwagen? Ich gehe rein und rechne damit, sofort von einer schwerbewaffneten Spezialeinheit lautlos niedergeschossen zu werden. Passiert nicht. Ich schaue wehmütig auf die verrammelten Möbel, auf denen ich schon so manche Mittagspause verbracht habe. Wann wird das wieder so sein? Wird es wieder so sein? Sitzen dann in ein paar Wochen die Gehsteig-Omas dort und beanspruchen einen Tisch pro Oma mit mindestens 1,5 Metern Abstand um sich herum? HALLO?!

Auch im Büro wird es seltsamer. Menschen, mit denen man in Vollzeit im Büro wohnt, sieht man bisweilen öfter als den Lebenspartner, verbringt viel Zeit miteinander, hockt aufeinander, bis letzte Woche war das so. Dann kamen die neuen Regeln am Wochenende. Dieselben Menschen, mit denen man am Freitag noch wie im Hühnerstall aufeinandergluckte, stieben seit Montag auseinander und machen osterhäschenartige Sprünge, wenn man sich im Flur begegnet. Und alle gucken immer so f u r  c h t b a r  e r n s t. Fast so ernst wie die Abstand-Omas auf dem Gehsteig. Leute, Mann, echt. Dieses Virus wird das letzte Bisschen Mitmenschlichkeit aus den ohnehin schon fischkalten, unsympathischen Deutschen rauspressen. Distanz, Distanz, iiiih, geh mir weg, ich bin Deutscher, wir machen hier Distanzregel anderthalb Meter! Die gemeine Bleib-mir-vom-Hals-Haltung, die in den letzten Jahren stark zugelegt und sich eher auf den syrischen Raum fokussiert hat, findet jetzt Niederschlag im Nachbarschaftlichen. Bleib doch da, wo du herkommst! Geh sofort zurück in deine Wohnung, du Asi!

Wir schaffen das? Ich freue mich immer, wenn Menschen optimistisch sind, da ich es meistens nicht bin. Aber echt wahr, es ist furchtbar, was nur eine einzige Woche Zeit aus unserem Leben und dem Verhalten in der Öffentlichkeit gemacht hat. Eine Woche. Bis zur völlig willkürlich gesetzten Frist zum Ende der Osterferien sind es noch fast vier Wochen. Vielleicht gibt es bis dahin wieder Armbinden, für Abstand-Nazis.