Artikel des täglichen Bedarfs im März 2020 einzukaufen, ist etwas ganz Besonderes. Aber nicht in dem Sinne, in dem die Handelsketten es gerne hätten. Am Eingang lungern fragwürdige, schwarz gekleidete Gestalten herum, mit Sonnenbrille und Textil-Mundschutz, die man sonst intuitiv in Bahnhofsnähe verorten würde. Sie verteilen jetzt am Eingang Einkaufswagen und passen auf, dass nicht zu viele Menschen gleichzeitig zwischen den leeren Regalreihen herumirren.
Hatte man vorher schon Glück, durfte man einfach reingehen in den Supermarkt und musste nicht draußen vor der Tür mit jeweils zwei Metern Abstand zu seinen Mitmenschen auf Einlass warten. Einkaufen kann sehr lange dauern im Moment. Und das selbstverständliche Herumeiern zwischen den Regalen fällt auch nicht mehr so leicht. Erstens die ganzen leeren Einkaufswagen von Personen, die selbst nicht einkaufen, aber wegen Abstand und Leute-im-Markt-Zählen auch einen vor sich her schieben müssen, zweitens die Fanatiker, meistens Frauen, die wie ein scheues Reh zur Seite springen, wenn man um die Ecke bei den Kühlwaren biegt.
Derzeit geht überwiegend der Mann einkaufen. Der Mann hat Homeoffice und kann das in seinen Tagesflow gut einbauen. Außerdem hat er eine stabilere Nervenkonstitution als ich und kann sich stoisch mit den neuen Gegebenheiten abfinden, während ich schon in einer einzigen Einkaufssituation in der Woche gleich die Nerven verliere und, während ich von einer Drogerieangestellten am Eingang belehrt werde, ein deprimiertes „Achmiristdasallessoscheißegal“ vor mich hinmurmele. Wenigstens werde ich nicht aus dem Laden geworfen. Und ich darf sogar zwei Pakete Spülmaschinen-Tabs mitnehmen, eins für zu Hause, eins fürs Büro – der Kunde vor mir muss eins seiner zwei Pakete Taschentücher wieder abgeben. Im Supermarkt passiert der ältere Herr hinter uns mit leerem Wagen die Kasse. Fragende Blicke der Supermarktangestellten. „Gibt ja nix, gibt ja nix, nie bekomm ich, was ich brauche.“ Sätze, die vor drei Wochen unvorstellbar gewesen wären.
Grundsätzlich denke ich viel an meine Oma in letzter Zeit. Meine Oma hatte immer einen Kellerraum voller Konserven, selbst eingelegtes Obst und Gemüse aus ihrem riesigen Garten und von diversen Schrebergärten und Äckern. Sie wollte mir immer beibringen, wie man Zwiebeln zieht, „für Zeiten der Not“, wie sie sagte. Hat mich nie interessiert. Ich bin ein Kind der Wohlstandsgesellschaft, was im Moment passiert, hätte ich mir nicht vorstellen können. Dass ich im Supermarkt stehe und die Regale mit dem frischen Gemüse leergefegt sind, hier und da noch ein welkes Blatt von einem Bund Karotten oder einem Blumenkohl. Wo sich einkaufen noch lohnt, ist im teuren Biomarkt. Davor keine Schlange, drinnen wenig los und keine leeren Regale. Man zahlt für dreieinhalb Artikel zwanzig Euro, aber da zurzeit alles anders ist, geht auch das, und Einkaufen fühlt sich dort fast noch so an wie vor Corona.
Wo man auch noch einigermaßen unbehelligt durchkommt, ist im hochpreisigen Blumencenter. Keine Schlange davor, aber verrückterweise nur alte Menschen drinnen. Also die, wegen derer wir gerade alle eingesperrt sind. Die kaufen jetzt in der Geronto-Herde Gartenware ein. Außer dem Mann und mir sind nur Menschen im Markt, die doppelt so alt sind wie wir und uns böse anstarren. Klar, wir sind der Feind. Dass man sich als Achtzigjähriger auch selbst an die Regeln halten und damit schützen kann, ist wenig populär. Wo beobachten eigentlich andere Menschen diese Solidarität, von der so viel die Rede ist? Ich erlebe im Alltag gerade ausschließlich, ich muss es so hart sagen, Krieg der Generationen. Mal sehen, wo uns das so hinführen wird. Bestimmt nicht in eine Zeit, in der sich alle liebhaben und feste zusammenstehen.
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| Wie Se sehen, sehen Se nix: leere Regale, soweit das Auge reicht. |
| Abstand halten, Einkaufswagen benutzen, auf dem Parkplatz draußen warten, bis man drinnen vor leeren Regalen stehen darf: Einkaufen im Frühjahr 2020. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
