Und die Welt steht still

Im Auto, auf dem Rückweg vom Wandern bei Wipperfürth im Bergischen Land, fällt mir am Straßenrand ein Plakat ins Auge. Von Gauloises. „Und die Welt steht still“ in großen Lettern darauf, dazu ein lässiger Typ, mit Kopfhörern, im Sonnenschein, relaxed auf der Couch, Blick in die unbestimmte, aber sicher sehr tolle Weite und Zukunft. Die Wirklichkeit hat den Claim eingeholt, noch dazu richtig kalt erwischt: Die Welt steht still und nichts, aber auch gar nichts daran ist lässig. Interessanterweise steht das Ganze auch noch im krassen Gegensatz zum ewigen Ohrwurm-Gauloises-Best-of-Claim „Liberté, toujours“.

Die Welt steht still, mein Kopf leider nicht. Seit einer Woche versuche ich zu verstehen, was los ist, und bin damit maximal mittelerfolgreich. Ich hatte in meinem bisherigen Leben offensichtlich dem Infektionsschutzgesetz nicht genügend Beachtung geschenkt. Das rächt sich gerade. Versammlungsfreiheit, Bewegungsfreiheit, Teilhabe am öffentlichen Leben, Nutzen des öffentlichen Raums, Religionsfreiheit: Um mal einen anderen Werbeclaim zu bemühen, das alles ist – Wisch und Weg! Zack! Mit einem Wisch ist alles weg! Von heute auf morgen ist das Leben nicht mehr das, das ich seit 44 Jahren kenne, und das nicht, weil irgendjemand Raketen, Bomben oder sonstwas in den deutschen Schrebergarten geschmissen hätte oder weil – das war die große Furcht meiner Jugend, meiner Kindheit und meines Erwachsenwerdens – ein Atomkraftwerk angegriffen worden wäre, sondern weil eine Pandemie sich ihren Weg bahnt. Ich bin im Bann- oder Dunst- oder Todeskreis eines Atomkraftwerks aufgewachsen, stets war die Dampfwolke am Horizont sichtbar und es war mehr oder weniger ein geflügeltes Wort, zu sagen oder zu denken, auf Schwäbisch natürlich: Also, wenn dort driwwe ebbes passiert, dann isch alles aus, dann schperret se uns ei und holet uns nemme raus. Vermutlich hat sich das in meinem Denken festgesetzt: Eingesperrtwerden wegen unsichtbarer Gefahr = Das Leben ist zu Ende.

Im Moment werden wir wegen einer unsichtbaren Gefahr mehr oder weniger eingesperrt. Zum Glück nicht ganz, zum Glück wehrt sich die politische Führung unseres Landes gegen den drastischen Schritt einer Ausgangssperre. Wandern im Wald wird mir so weiter möglich sein. Dort kann ich sogar ein wenig vergessen, wie anders der Alltag, das Leben in diesem Land momentan ist als sonst. Die Straßen: leer. Die öffentlichen Verkehrsmittel: leer. Das Bürogebäude: leer. Die Regale im Drogerie- und im Supermarkt: leer. Das Fitnessstudio: geschlossen. Im Moment findet ein riesiges Sozialexperiment in unserem Staat statt, keiner weiß, wie es ausgehen wird. Was hat es für Folgen, dass Kinder zu Hause hocken müssen, nicht unterrichtet werden, umgeben von ihren Eltern, die ebenfalls nicht auf der Arbeit sind, sondern kurzfristig mit allen geräte- und verbindungstechnischen Mitteln, die die IT-Welt gerade so hergibt, zum Arbeiten nach Hause geschickt wurden. In unserer Gesellschaft verbringen Menschen, die zusammengehören, im Alltag wenig Zeit miteinander, alles ist durchgeplant und getaktet, das ganze Familienleben mehr ein agiles SCRUM-Projekt mit sich ständig verändernden Variablen als das gemütliche Beisammenhocken unserer Vorfahren. Jetzt werden alle dazu gezwungen. Geht das gut aus? Die ganzen geschlossenen Läden, Restaurants, Hotels – wie wird das alles in ein paar Monaten aussehen, wie lange halten die durch, wie sollen Solo-Selbständige von Fotograf bis Kosmetikerin die Ausfälle kompensieren? Was machen die ganzen aufgepumpten Irren, die sonst ihren Aggro-Stau im Fitnessstudio abreagieren? Auf wen gehen die jetzt los? Im Moment gibt es nur Fragen, Antworten gibt es nicht. Und die Welt steht still. Auf eine sehr unheimliche, beängstigende Weise. Gauloises sollte schnell wieder die „Liberté, toujours“-Plakate rauskramen. Die lassen dann daran denken und darauf hoffen, welches Leben wir bitte, bitte, bitte in ein paar Wochen wieder haben werden.

Wir dürfen noch raus. Hoffentlich weiterhin.