Die Welt steht Kopf. Was Greta, heiße Sommer, vertrocknete Mittelgebirgswälder, das ganze Klimawandelbundle, Flüchtlingsdramen, Hackerangriffe, der Brexit und weitere gesellschaftliche Megathemen der letzten Jahre nicht geschafft haben, schafft ein Virus. Das Leben, das wir leben, ist außer Gefecht gesetzt, verharrt in der Pause-Taste – vom Arbeitsplatz über Kunst und Kultur, Reisen bis hin zu Zeit mit Freunden ist alles im Ausnahmezustand. Innerhalb weniger Tage ist der Alltag ein anderer und ich komme nicht so ganz mit.
Italien ist nicht mehr Italien. Es gibt keinen Unterricht mehr in den meisten deutschen Bundesländern, die meisten Unis sind schon länger dicht. Am Arbeitsplatz traut sich keiner mehr zu husten. Manchmal sieht man jemanden sehr verschämt in den Ärmel niesen und sieht dem Menschen an, dass er danach Angst hat, sofort des Gebäudes verwiesen und mit zwei Wochen Quarantäne belegt zu werden. Die Kantine wickelt jetzt alles in Plastik, ab nächster Woche vermutlich auch ihre Gäste. Mit so einem Gerät, wie es das an Flughäfen für Koffer gibt. Verabredungen werden abgesagt (von Freunden), Wanderwochenenden werden abgesagt (vom gebuchten Hotel), Tickets für Tanz und Kabarett sind auch hinfällig, die Auftritte werden abgesagt oder verschoben (vom Veranstalter). Das öffentliche Leben wird eingefroren. Wo man geht und steht, gibt es nur noch ein einziges Gesprächsthema: Corona. Ein Mutantenvirus macht mein Leben platt.
Ich kann mich an Bilder erinnern, in Zusammenhang mit der Vogelgrippe, von Desinfektionswannen, die beim Verlassen von norddeutschen Inseln durchschritten und durchfahren werden mussten. Zur letzten großen SARS-Welle Anfang der Zweitausender fällt mir nichts mehr ein, zu lange her. Oder damals drehte die Welt nicht durch. Oder beides. Mit dem isländischen Aschevulkan vor ein paar Jahren war es auch ein bisschen so wie jetzt, auch da wurde der Flugverkehr eingestellt und alles war anders als sonst. Vor allem hysterisch. Ein Hauch von Ausnahmezustand. Jetzt ist volle Breitseite Ausnahmezustand.
Dienstliche Termine sind plötzlich alle nicht mehr wichtig – außer den Krisenstabsitzungen. Dort fühlen sich alle unwohl, weil an einem stinknormalen Besprechungstisch in einem stinknormalen Besprechungsraum die stinknormalen Besprechungsteilnehmenden nicht mindestens anderthalb Meter Abstand zueinander halten können und das Fenster geschlossen bleiben muss, weil sonst die zugeschalteten Videokonferenzmenschen wegen des Verkehrs draußen nix hören. Jahrzehntelang hat es in einem solchen Bürokontext keine Socke interessiert, mit Rotznase, Kratzhals und glasigem Blick, mit feuchter Aussprache, gerne begleitet von bollerndem Lungengerödel, über den Tisch zu speicheln, Spuren zu hinterlassen und andere anzustecken. Eher im Gegenteil. Präsentismus fanden viele immer ganz besonders cool. Fiebrig noch den Finanzplan fürs nächste Quartal finalisieren, geile Kiste. Mit hochrotem Kopf in stickigen Konferenzräumen dämmernd vor sich hin brüten, boah, Leute, da muss echt mehr passieren, bis ich nicht mehr auftauche, das bisschen Erkältung, rotzspuckhustsabberspotz. Innerhalb weniger Tage ist das völlig anders. Ob das so bleibt? Damit wäre wirklich etwas gewonnen. Ich fürchte nicht. Menschen vergessen so schnell. In einem halben Jahr gelte ich wahrscheinlich wieder als überreagierende Schnippenzicke, wenn ich einem der Präsentismus-Paviane die Hand nicht geben will.
Was bleibt? Ich hoffe, das Fitnessstudio macht nicht zu. Ich hoffe, so lange die gesellschaftliche Situation so ist, wie sie ist, wird nicht bei jemandem in meinem direkten Umfeld COVID-19 diagnostiziert, so dass ich als Kontaktperson ersten Grades, vom Robert-Koch-Institut so definiert, zwei Wochen zu Hause eingesperrt werden müsste, wo ich ohne Beschäftigung und Bewegung nach zwei Tagen anfinge, die Tapete von der Wand zu kratzen und Silberfische zu essen. Ich hoffe, mein Gott, wir leben in einer egozentrischen Gesellschaft, da kann die Angie so viel von Solidarität reden, wie sie will, meine Geburtstagsfeier im Mai fällt dem ganzen Wahnsinn nicht auch zum Opfer. Ich will wenigstens nochmal feiern, bevor dann in der zweiten Jahreshälfte die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sonstigen Scherbenhaufen bilanziert werden, die die ganzen Stornierungen, Absagen, Auftragsstopps, Einstellungsstopps, Produktionsengpässe nach sich ziehen werden. Prost, Corona, Cheers, 2020 wird dein Jahr, soviel ist jetzt schon sicher.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.
