London: So royal

Die Queen ist allgegenwärtig in London. Auf Schritt und Tritt begegnen einem Täfelchen, Schriftzüge, Ornamente – dedicated to the Queen. Anlässlich irgendeines ihrer zahlreichen Geburtstage oder ihres diamantenen Thronjubiläums. Was bleibt den Briten, sollten sie nach Europa auch noch die Queen verlieren? Fish & Chips, natürlich, und der Tower. Und vielleicht wenigstens das Gefühl, irgendwie royal zu sein.

Fast eine Woche bin ich mit dem Mann in London unterwegs. Es ist grau, es ist stürmisch, so weit, so erwartet. Der Regen erwischt uns nur an einem Tag so richtig fies, ausgerechnet, als wir nicht irgendwo drinnen unterwegs sind, in den Houses of Parliament etwa, sondern auf dem überraschend weitläufigen Gelände des vor fast 1.000 Jahren von Wilhelm dem Eroberer hingestellten Tower. Grundsätzlich mache ich mir große Sorgen um meine Erinnerung, mein Gehirn und meine erlebten Urlaube: Ich war mit 16 in London, mit der Jahrgangsstufe, also vor fast 30 Jahren. Und ich kann mich erinnern: an nichts. London hat ja durchaus einige einprägsame Gebäude herumstehen, die Houses of Parliament, die Tower Bridge, das begehbare Türmchen The Monument – und wo sollte man als Schulherde hinpilgern, wenn nicht nach dort? Nun, es ist, als wäre ich nie da gewesen. Lediglich in Camden Town blitzt die Erinnerung auf, und am Piccadilly Circus. Ausgerechnet da, an einem aus heutiger Sicht winzigen, überfüllten Kreisverkehr-Platz mit einer kleinen Statue drauf. Am imposanteren, mit riesigen Löwen drapierten Trafalgar Square hingegen wieder: nichts. Ich nehme mir also vor, künftig jeden Urlaub noch mehr zu genießen und auf mich wirken zu lassen, da ich mich offensichtlich Jahrzehnte später dann ja nicht mehr erinnern können werde. Schade um die vielen schönen Bergurlaube! Lebe den Moment als Urlaubsdevise.

Da wir viel Zeit haben in der Stadt, entfliehen der Mann und ich immer wieder den Massen, die sich an den Hotspots stapeln und quetschen, und fahren raus an Orte, von denen man den Blick über die Stadt schweifen und sich den starken Wind noch etwas stärker um die Nase wehen lassen kann. So sind wir in Greenwich, das gemächliche Geordnetheit und Überschaubarkeit ausstrahlt, einen riesigen Park bietet und natürlich die Sternwarte. Die 20 Pfund Gebühr pro Person, um auf dem Nullmeridian stehen zu können, sparen wir uns. Wir geben auch so schon Hunderte von Euro für Eintrittsgelder aus, 30 Pfund scheint sich als ein Eintrittsgeld-Standard für alles mögliche von London Eye bis Schoss Windsor etabliert zu haben.

Hampstead Heath bietet einen noch größeren Park, noch mehr Wind und ein schönes Parkcafé, das leider schließt, als wir ankommen. Und Schloss Windsor stellt sich als mein persönliches Highlight heraus, es thront mächtig und imposant auf einem Hügel über dem gleichnamigen Londoner Vorort. Vom Flugzeug aus erhasche ich später noch einmal einen Blick darauf und bin beeindruckt, wie zeitlos beherrschend Wilhelm der Eroberer auch dieses Anwesen mit Weitsicht und Bestand geschaffen hat. Innerhalb von Schloss Windsor schreitet man die Räume und Treppen ab, in und auf denen sonst Gäste der Queen defilieren. Ein ähnliches Gefühl wie das, im House of Lords und House of Commons inmitten der roten und grünen, steil und eng angeordneten Sitzreihen zu stehen, die man von Fernsehübertragungen der lautstarken Debatten kennt, die hier stattfinden, wenn nicht Touristen drin herumlungern. Die Queen verbringt sofern möglich jedes Wochenende auf Schloss Windsor, auf dem Buckingham Palace in London weht dann der Union Jack statt des königlichen Emblems. Während sich vor den Pforten von Buckingham Palace die Menschenhorden sammeln und schieben, ist auf Schloss Windsor fast gar nichts los. Wir geraten zufällig in die Wachablösung und stehen mit ein paar anderen Touristen dabei lose am Straßenrand.

Ich wünsche den Briten, dass die Queen 100 wird, mindestens, oder dass sich doch noch herausstellt, dass sie ein überirdisches Wesen ist, das Zeit und Raum überdauert. Mit Schloss Windsor hat sie zumindest schon einmal die passende Behausung dafür. Alles andere wäre einfach zu schade. Was soll man mit Leuten wie „BoJo“, wie die Tageszeitungen Boris Johnson nennen, identifikationsmäßig anstellen? Damit kommt man nicht weit. Und royal ist es schon gar nicht.

Schlendern übers Schlossgelände: Windsor vor den Toren der Stadt

Der Trakt, den man nicht besichtigen kann – die von der Queen bewohnten Räume

1000 Jahre alt und kein bisschen gebrechlich: der Tower

Die Tower Bridge ist viel jünger, wurde erst im 19. Jahrhundert gebaut

Die Gegensätze der 9-Millionen-Metropole: Towergelände und Financial District
St. Paul´s Cathedral sahen wir nur von außen, hier haben wir uns das Eintrittsgeld auch gespart

Spektakuläre Architektur: die „Great Hall“ des British Museum. Sie ist, natürlich, „dedicated to the Queen“