Kölle Alaaf und Münchner Kuriositäten

Einmal bei der Kölner Karnevalssitzung dabei sein: check. Leuten, bloß weil sie bekannt sind, in Münchner Medienunternehmen leitende redaktionelle Funktionen verschaffen: check. Und was um alles in der Welt hat das jetzt miteinander zu tun?

In Köln geht vieles. Eigentlich alles. Köln ist eine Stadt, die alles toleriert. Und jeden. Hier gibt es die besten nicht vollendeten Bauprojekte der Republik, ja, ehrlich, alles ist um ein Vielfaches besser als der Berliner Flughafen, vor allem gibt es viel mehr davon: Oper, Dauerbruchbaustelle, niemand ist verantwortlich, niemand kann sagen, ob es jemals ein Operndasein jenseits diverser Provisorien, darunter zeitweise auch der vom kreativen Kölner Volksmund liebevoll „Mülltüte“ genannte strahlend blaue Musical Dome am Hauptbahnhof, geben wird; die abgesoffene Einsturzlochwassersammelbeckenbaustelle Historisches Archiv: geht vielleicht 2020 doch irgendwie weiter bzw. die Baustellenruine soll wieder zur Baustelle erweckt werden; diverse Straßen- und Stadtbahnprojekte: Alleen werden gerodet, Löcher gebuddelt, Stahlträger verscherbelt, ohne dass je eine Bahnlinie vollendet würde. In der Zwischenzeit fällt die Stadt Köln vorsorglich ein paar Dutzend wunderschöner alter Bäume mehr, vielleicht fängt man ja doch irgendwann mal an zu bauen, dann sind die schon mal weg. In der Zwischenzeit lässt sich doch wunderbar nochmal ganz neu denken und eine weitere Stadtbahnlinie planen? Und schon mal anfangen zu buddeln?

Das ist Köln. Wenn man hier lebt, wundert man sich anfangs sehr viel, regt sich vielleicht sogar auf, nach wenigen Jahren ist man aber angekommen im Kölschen Singsangwiegeberuhigungsselbstbestätigungsgesumme und -gemurmel, Wat fott es, es fott, Wat wellste maache, Et hätt noch emmer joot jejange, Et kütt wie et kütt. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird öffentlich „Do simmer dabei, dat is pri-i-ma, Vi-va Colo-ni-a!“ angestimmt und geschunkelt (sogar beim Metallica-Konzert, echt jetzt), alle fühlen sich mit Hätz und Jefööhl dem umfassenden Kölner Universum zugehörig.

Wo ich nun also mehrere Jahre Zeit hatte mich anzupassen, lag es nahe, doch auch einmal das Unvorstellbare zu wagen und eine Kölner Karnevalssitzung zu besuchen. So richtig. Mit Brings, Dreigestirn, Bernd Stelter, inmitten Unmengen von Kölschfässchen leersaufenden Bienen, Ärzten, Einhörnern, Planeten und vereinzelt, allen Blackfacing-Skandalen zum Trotz, tatsächlich Indianern. Mit zwei auf dem karnevalistischen Parkett ebenfalls nicht trittsicheren Kollegen und einer Kollegin, die einige Jahre pausiert, aber immerhin noch Kostümbestandteile und Karnevalsliederkenntnisse von früher hatte, schritt ich als Teil eines bunt kostümierten Quartetts mutig ins Maritim Hotel. Sagen wir so: Ich bin jetzt um diese Erfahrung reicher. Ich habe sogar einen Orden bekommen, mit dem diesjährigen Karnevalsmotto „Et Hätz schleiht em Veedel!“ drauf. Meine Kollegin und ich haben sehr viel Geld für eine Flasche Metternich-Sekt bezahlt und diese behutsam leergetrunken, während an den umliegenden Tischen Fässchentauschszenen in einer Umschlaghäufigkeit stattfanden, die mich sehr an Wildschweingelage in Asterix-Comics denken ließen. (Einen Asterix allerdings habe ich nicht gesehen.) Vom Grölpegel her sicher vergleichbar, wobei ich glaube, dass die ganze Veranstaltung, da doch eher teuer, noch gemäßigt, womöglich geradezu spießig ablief im Vergleich zu dem, was man sonst erleben könnte im Karneval. Von der Belastungsstärke für mich aber allemal ausreichend.

Nun hätte es mich nicht gewundert, wenn mir an diesem Abend im Rahmen der Kölner Karnevalssitzung inmitten von Kalauern, Schlagern und Schunkelen offenbart worden wäre, dass Joko Winterscheidt zum „Chief Curiosity Officer“ des Herrenmöchtegernmagazins GQ ernannt worden sei. Schließlich hüpft als Bestandteil des Dreigestirns auch ein Mann mit Zöpfen und Kleid als „Jungfrau“ über die Bühne. Und der Joko hat ja gerade erfolglos mit einem anderen Verlag versucht, ein Lifestylemagazin unter dem irre komischen Namen JWD unters Volk zu jubeln. Määt nix, jetzt halt GQ!

JWD war janz weit draußen tätäää
Dat wor halt nix für uns Banausen tätäää
Und weil mir dat net vorstanne hann tätäää
Fängt der Joko jetzt von vorne an! tätäätätäätätäää

In München macht er jetzt Curiosity tätäää
bei der GQ, janz vorne mit dorbii tätäää
Neugier-Officer könnte man auch saachen tätäää
Aber dat gäb ja komische Fraachen! tätäätätäätätäää

Er selber sagt im DWDL-Interview dazu: „Es gibt nichts Schlimmeres als Leute, die immer schon vorher wissen, wie alles geht. Man muss ausprobieren und dafür muss man neugierig sein.“ Chief Curiosity Officer sei „ein passender Titel für jemanden wie mich, der in kein Organigramm passt.“
UNN JETZ ALLE: DO SIMMER DABEI, DAT IS PRI-I-MAAAA, VI-VA COLO-NI-A! Wir lieben dat Leben, die Liebe und die Lust! Wir glauben an den lieben Gott und ham uch immer Durst!

Et Hätz schleiht em Veedel: zum Nachlesen auf der Fahne…
… auf dem Orden …
… und selbstverständlich darf der Dom nicht fehlen!