Weihnachten bei Senfmüllers

Das Senftöpfchen, ein Kabaretttheater, gibt es in Köln. Und dann gibt es noch die „Historische Senfmühle“, die selbstproduzierte Senftöpfchen verkauft. Während ich den Besuch des Ersteren uneingeschränkt empfehle, rate ich von Zweiterem ab. Es sei denn, man möchte teure Tontopfware erwerben und einen schrulligen Senfmühlenbesitzer erleben.

Direkt gegenüber vom Schokoladenmuseum und Kölner Hafen-Weihnachtsmarkt befindet sich die „Historische Senfmühle“. Am Weihnachtswochenende bot es sich an, mit den Eltern, nachdem man die Buden abgeschritten, Reibekuchen und Glühwein verzehrt und Schnickschnack käuflich erworben hatte, dort einmal hineinzuschauen. Das Schokoladenmuseum kennen die Eltern schon.

Die Senfmühle wirbt mit Führungen. Ebenfalls mit den Eltern hatten der Mann und ich auch schon in Cochem an der Mosel vor der dortigen Senfmühle gestanden und uns gefragt, ob es sich lohnt, eine solche mitzumachen. Der Besitzer ist derselbe, wie sich nun herausstellte. Also konnten wir nun in Köln die Cochemer Senfführung nachholen. Die Erwartung: Es geht in einen Keller, irgendwo anders hin, Treppen runter, mehrere Räume werden gezeigt. Die Realität: Im Verkaufsraum öffnet der Senfmühlenbesitzer eine Tür in einen rückwärtigen Raum. In diesem Raum steht ein Ungetüm aus Holz mit Maischefass und Mühlstein. That´s it. Unsere kleine Gruppe, bestehend aus zwei Generationen Harmuth und einem weiteren jungen Mann, steht vor Fass und Stein, der Senfmühlenchef deutet auf die an die Wände ringsum gepflasterten Poster, Fotos und Schautafeln und erzählt was dazu. Es erinnert alles stark an analogen Schulunterricht der 1980er Jahre. Es fehlen lediglich die ausrollbaren, an wackligen Gestängen aufgehängten, an den Rändern vergilbten und eingerissenen Karten und der Zeigestock. Das Oberlehrerhafte hat der Senfmühlenbesitzer jedenfalls drauf. Soziale oder pädagogische Kompetenz leider eher nicht. Auf Nachfragen des Mannes und des Vaters antwortet er barsch, „Das beantworte ich Ihnen nicht“ (gefragt nach der jährlichen Herstellungsmenge) oder „Das hab ich doch gerade erklärt“ (hat er nicht, Senfsaat, Senfkorn und Senfmehl scheinen eine verwirrende Gemengelage zu sein). Der Mann ist daraufhin beleidigt, der Vater fragt einfach andere Sachen (immerhin ist der ja echter Lehrer, jetzt zwar in Pension, aber den Umgang mit schwierigen Zeitgenossen wohl einfach gewohnt).

Der Senfmühlenbesitzer lästert über alle möglichen Arten von anderem Senf – das Nonplusultra ist der aus seiner Mühle stammende, kaltgepresste -, deren Hersteller – „ach, was die Händlmaier da alles zusammengepfuscht hat, das essen nur die Bayern! Außerhalb von Bayern kann man das aber nicht verkaufen!“ – und kulturlose Konsumenten, die Senf im Kühlschrank lagern. „Gehen die ganzen ätherischen Öle kaputt!“ Das einzig wahre Produkt stammt aus dem ohrenbetäubend laut schrappenden Mühlstein, der zu Demonstrationszwecken angeworfen wird und dessen gegeneinanderlaufende geriffelte Steinscheiben eine senfsuppige Masse in ein großes Plastikfass ausschlonzen. Das Ergebnis lässt sich im Verkaufsraum kosten und kaufen. An Kundschaft gibt es dort das schillernde Panoptikum der Großstadt zu bestaunen, von weiteren Touristen und vom Weihnachtsmarkt Herübergestrandeten bis hin zu einem etwas verpeilten Mann, der offensichtlich gerade aufgestanden ist, barfuß in Sandalen steckt und als Frühstück am späteren Nachmittag ein paar Probierlöffel Senf verzehrt.

Wenn der Mann und ich nochmal in Monschau in der Nordeifel sind, wandertechnisch kommt man da immer mal wieder vorbei, könnten wir zum Vergleich die dortige Senfmühle besuchen. Die wird seit Generationen in Familienbesitz betrieben, hat also Tradition, wohingegen der Köln-Cochemer damit wirbt, „die ältesten Senfmühlen der Welt“ zu unterhalten. Das begründet sich darin, dass ein belgischer Mühlstein aus dem Jahr 1810 zum Einsatz kommt. Der bis zu seiner Wiedererweckung 2001 in Cochem und 2009 in Köln aber überwiegend ruhte. Die Monschauer hingegen haben mehr durchgängige Senfgeschichte aufzuweisen, ihr Mühlstein ist aber jünger als der belgische. Zu den Wortklaubereien des Kölner Kollegen scheinen die Eifeler ihren Senf noch nicht dazugegeben zu haben. Vielleicht auch aus alter Senfmüller-Ehre.

Senfsünden, nicht nur zu Weihnachten: Industrieware, nicht kaltgepresst, nicht aus Köln und dann auch noch aus dem Kühlschrank.

2 Gedanken zu “Weihnachten bei Senfmüllers”

  1. Dein Blog ist (anscheinend im Gegensatz zum "Historische Senfmühle" ) immer ein Besuch wert. Die Mühle in der Eifel werde ich mir mal ansehen!

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