Wandern, bis der Arzt kommt

Mein Bruder ist skeptisch. Am Vorabend der 50-Kilometer-Wanderung, zu der ich mit einer Freundin angemeldet bin, telefoniere ich mit ihm. „Also, ständig diese Spinninggeschichten und jetzt so eine krasse Wanderung, das ist ja schon auch ziemlich masochistisch!“ Der Mann hat Recht. Und er weiß, wovon er redet: Er hat drei Jungs im Grundschulalter. Nichtsdestotrotz stehe ich um 4.15 Uhr am Samstag auf, um rechtzeitig am Endpunkt der Wanderung zu parken und in den Shuttlebus zum Ausgangspunkt des Rhein-Ahr-Marsches zu steigen. Im Shuttlebus ist es schon um 6.15 Uhr stressig. Dutzende Menschen sind in heller Aufregung und quasseln wild durcheinander. Ich bin sehr erstaunt, dass viele darunter sind, die sehr unsportliche Figuren haben, um das mal so zu formulieren, und auch lautstark vernehmen lassen, nie zu wandern oder sonstwie zu gehen. „Ich probier´s halt mal aus!“ Ich frage mich, ob die Veranstalter bei solchen Ereignissen ärztliche Bescheinigungen abfragen sollten, aber letztlich ist ja jeder für sich selbst verantwortlich. Ich mache die Augen zu.

Der Startpunkt der 50-km-Tour ist die Zwischenstation für diejenigen, die sich für 100 Kilometer angemeldet haben und bereits am Vorabend um 20 Uhr losgegangen sind. 440 Anmeldungen gab es für 100 Kilometer, weitere 250 für die 50er-Distanz. Die 100er erscheinen mir wie Wesen aus einem Zwischenreich, und bei denen, die ich im Laufe des Tages auf der Strecke noch treffen werde, denke ich dann jedes Mal eher an Zombies. Wobei man sagen muss, dass die richtig Fitten laut Veranstalter schon um 8 Uhr wieder in Rheinbach über die Ziellinie gelaufen sind – 100 Kilometer in zwölf Stunden runterjoggen, das ist in meinem Spektrum der Leistungsfähigkeit anderen Lebewesen wie beispielsweise Raubkatzen vorbehalten, nicht Menschen mit Turnschuhen und Bauchtasche. Ich hatte ja auch mal mit dieser Wahnsinnsherausforderung geliebäugelt, 24 Stunden durchzulatschen, um irgendwie diese 100 Kilometer zu schaffen, aber nach den jetzigen Eindrücken lasse ich das lieber. Es gibt schönere Arten, sich fertigzumachen.

Auf der 50-Kilometer-Strecke merke ich sehr genau, was mein Körper an Wandern so kennt. 20 Kilometer sind kein Thema, kurz vor 30 fangen unbekannte Stellen an den Beinen an zu ziepen. Nicht nur die Schienbeine, sondern auch nicht definierbare Stränge in den Tiefen des Oberschenkels. Auf die 40 Kilometer hin wird es richtig anstrengend, ich muss mich immer mehr überwinden, und mit einem Schlag sind die Kräfte weg. Ich schleppe mich noch ein wenig durch, habe aber so viel Mühe, einen Fuß vor den anderen zu setzen, dass ich die letzten acht Kilometer nicht mehr mitlaufe, sondern mich im gerade erreichten Dorf auf eine Treppenstufe setze und von dort ein Taxi rufe. Meine Freundin zieht es durch und macht die 50 Kilometer voll. Offenbar ist Lauftraining (Iris läuft Halbmarathons und Marathons, wie andere Nutella-Brötchen essen) eine sehr gute Vorbereitung auf so eine lange Wanderung. Für sie gab es am Ziel eine Medaille, eine Spezialabfüllung Spätburgunder aus dem durchwanderten Ahrtal und einen eigens gebrandeten Apfel. Für mich die Erkenntnis, dass ich die ganze Distanz nicht geschafft hätte. Ich fühle mich heute, einen Tag danach, als hätte ich zwei Nächte aufs Übelste durchgefeiert und kann mir nicht vorstellen, irgendetwas außerhalb meiner Wohnung zu Fuß zu erreichen.

Hier ging´s den Hügel hoch – in die lange Strecke hatten die Veranstalter auch noch eine ordentliche Steigung eingebaut.

Kurz nach einer Verpflegungsstation konnte ich wieder ein bisschen lächeln.
Da war dann Schluss, Aus, Ende bei der Harmuth. Abschied von der Iris, die die letzten acht Kilometer ins Ziel noch weitergelatscht ist.