Wander-? Schlender!-Urlaub auf Madeira

Es war ein Experiment. Verheißungsvoll schwirrte seit Jahren die „Blumeninsel“, wahlweise das „Wanderparadies“ Madeira wie ein bunter Schmetterling durch mein Wanderhirn. Als ich Anfang des Jahres auf eine Madeira-Wanderreise des Deutschen Alpenvereins stieß, garniert mit den Reizwörtern „alpiner Charakter“, „anspruchsvolle Bergwanderungen in mildem Klima“ und dergleichen, war die Gruppenreise im Oktober schnell gebucht. Das war Teil 2 des Experiments: Reisen in der Gruppe. Bisher wandern der Mann und ich im Urlaub stets allein und haben uns höchstens für schwierige Touren einem erfahrenen Bergführer angeschlossen. Aber so ein ganzer Urlaub mit anderen Wandernden, das hatten wir noch nicht.

Nun, die Kurzfassung lautet: Das Experiment ging schief. Madeira und Wandern ist im Verhältnis so wie Rhein und Spazierengehen. Die Wanderwege führen überwiegend entlang der insgesamt 1.400 Kilometer Levadas, Wasserleitungen, in der Höhe der Vulkaninsel. Da wir die Anhöhenmeter zu den Levadas hinauf nie gelaufen sind, sondern Paulo mit seinem klimatisierten Bus das für die deutschen Wanderer übernommen hat, latschten wir halt am leichten Gefälle der Levadas entlang auf gepflasterten Wegen, oft genug mit Geländern an beiden Seiten – alles absolut Rollator-geeignet – durch die maderensische Landschaft. Die im Oktober auch nicht mehr ganz so blumig ist, die bessere Reisezeit ist auch hier das Frühjahr oder der Frühsommer, da wird dann auch auf Madeira sich prächtigst botanisch entfaltet. Im Oktober trafen wir die üblichen Verdächtigen Bougainvillea und Hibiskus an, alles andere war vertrocknet oder in einem der mehreren Waldbrände jährlich verbrannt. Der Botanische Garten in Funchal inklusive, übrigens. 2016 von einem Waldbrand dahingerafft. Von pflichtschuldigen Touristen werden trotzdem 14,50 Euro Eintrittsgeld für verkohlte Baumstümpfe verlangt. Nun, wir haben das Geld nicht investiert. Auch nicht die 15 Euro in die Seilbahnfahrt und die 25 Euro in die Schlittenfahrt von Monte nach Funchal. Der durchschnittliche Maderenser lebt von 800 Euro brutto im Monat, wir kamen an ärmlichen Behausungen Einheimischer ohne Wasser und Strom, dafür mit Ziege, Truthahn und ein paar kärglichen Reihen Süßkartoffeln vor der Tür, eher: vor dem Verschlag, vorbei. Wo gehen also die vielen Euros hin, die der durchschnittliche Tourist für die üblichen Funchal-Vergnügungen an einem Tag ausgibt? Nicht zu den Einheimischen in ihren abgehängten Bergdörfern jedenfalls.

Was die Gruppe anbelangt, war es so wie mit mancher Affäre, Kurzbeziehung oder sonstigen Anbahnung: Sorry, wir passen einfach nicht zueinander. Der Mann und ich haben uns schon Mühe gegeben, zumal wir das einzige Paar unter zehn Alleinreisenden waren, nicht als Zweierkokon aufzutreten, sondern als aufgeschlossene Individuen. Aber es matchte nicht so gut, es war eher krampfig, es ergaben sich keine Gespräche, überhaupt Gesprächsthemen, es war immer ein bisschen anstrengend. Und wir waren viel zu schnell, der Mann und ich. Oft sind wir dem Trupp davongestiefelt und haben dann irgendwo an irgendeiner Biegung schweren Herzens gewartet, ist ja nicht ganz so höflich und sozialförderlich, allen kontinuierlich davonzurennen. Geholfen hat es alles nicht und keinem, uns nicht und der Truppe nicht. Na, was soll´s, einen Versuch war es wert. Ich bin in Besitz einer dicken, gefütterten, schafwollweißen Bommelmütze mit Aufdruck MADEIRA, die mich auf dem Fahrrad und Weihnachtsmarkt durch den kalten, tristen deutschen Winter bringen wird, ich habe einen Strelitzien-Sticker am Wanderrucksack hängen, und ich freue mich auf 2018, wo es zum Wandern wieder ganz allein mit dem Mann in Oberstdorf und in Slowenien viele, viele Höhenmeter den Berg rauf gehen wird. Wir beide, ganz allein, in unserem Tempo und im Schweiße unserer Angesichter, stundenlang die Stille am Berg genießend. Ohne die auf Madeira den ganzen Tag wie ein im Hintergrund durchlaufender Fernseher rauschenden Referate des Gymnasiallehrers aus Bremen zu allem Möglichen und Unmöglichen des menschlichen Daseins. Vor allem zu seinem nicht besonders außergewöhnlichen Dasein. Ohne eine alle fünf Meter stoppende Karawane, weil wieder irgendjemand an irgendeinem Zweig, Knick oder Sandkorn ein Foto machen möchte. Wobei die zum Teil doch recht schön geworden sind, diese Fotos, und sich hierfür das Rumstehen dann doch irgendwie gelohnt hat.

Strelitzien, das „Wahrzeichen Madeiras“. Hierzulande teuer, dort Wegesrandgewächs. Das Foto hat Jürgen aus unserer Wandertruppe geschossen.

Verwunschene Wälder mit uralten Bäumen
Die Sissi hat zwei Jahre auf Madeira verbracht. Sollte eigentlich nur zwei Wochen zur Lungenkur und ist dann geblieben. Susanne aus unserer Wandergruppe hat die Sissi-Statue in Funchal gesucht und gefunden.

Und die Karawane zieht (trippelt) weiter…

Ich glaub, ich steh im Wald – im Eukalyptuswald. Davon gibt es auf Madeira reichlich, sehr oft riecht es erfrischend nach einer Mischung aus Erkältungsbad und Sauna. Wie viele andere Pflanzen auch ist der Eukalyptus eingewandert und fühlt sich enorm wohl auf der kleinen Insel.