Knopf im Ohr

„Ich hab im Call gehört, dass wir bei dem Pitch gut dabei sind, da geht es auch um Chatbots, 200 k.“ Willkommen, Arbeitswoche, willkommen, Arbeitswelt. Nun bin ich bei meinem aktuellen Arbeitgeber, einer Berufsgenossenschaft, nicht gerade in einer hipnessverdächtigen, crazy Community mit Szenesprech absondernden Megaperformern gelandet – aber es residieren andere Unternehmen mit uns unter einem Dach.

Deren Insassen betrachte und ihren Ausführungen lausche ich meist hingebungsvoll. Es erinnert mich an frühere Phasen meines Berufslebens, und ich bin wiederum nicht traurig darum, dass die vorüber sind. Die das BG-Beige bereichernden Büronachbarn: dicklich, männlich, markant, in jedem Sinne wahrnehmbar (Lautstärke, Parfum, Habitus), weißes Hemd, aber nicht mit Sakko und Krawatte, sondern, den Frühdreißiger-Bauchansatz umspielend, gekonnt und scheinbar zufällig locker in die Chino gesteckt. Am unteren Ende der Büro-Verkleidung: teure Boots. Status ist heute anders als vor 30 Jahren. Und trotzdem kein Vergnügen. Die very international and very busy people verteilen sich überall im Hof, vor sich hin plappernd, Pappbecher in der Hand. Nachdem sie, im Heranfahren schon laut über die Auto-Audio-Anlage telefonierend, mit Knopf im Ohr oder gleich Headset am Kinn, aus ihren überdimensionierten Dienstautos ausgestiegen sind. Sagen Sachen wie: „Langsam is schlecht. Wie gesagt, haben wir momentan ziemlich viel in der Pipeline. Deshalb würde ich am Ende des Tages sagen, machen Sie das so wie besprochen.“ Als Empfänger dieser hohlen Floskelphrasen stelle ich mir am anderen Ende dann ein identisches Status-Männchen vor. Das dieselben Heißluftballons produziert. Vermutlich legen dann beide befriedigt auf und es passiert – nichts. Obwohl jeder mit Sicherheit hinterher den jeweiligen Kollegen erzählen wird, „hab heute Morgen schon kurz nen Call/ne Telko/ein Update mit dem Schröder gehabt und die next steps abgesteckt/Milestones gecheckt/Targets repriorisiert. Läuft. Können nachher den aktuellen Status in die Slides übertragen und dem Müller reporten.“

Ich hole mir drinnen auch nen Pappbecher, schlurfe in mein Büro, vergesse wieder, meinen Schlüssel an das Zeiterfassungsgerät zu halten und widme mich den Einlassungen meiner Kolleginnen und Kollegen. Die sehen schon bei Verwendung des Wortes „Event“ in einem Text den Untergang des Abendlandes heraufziehen.

Bisschen blass (wegen der Überarbeitung), hat aber sicher eine Top-Performance. Mitarbeiter des Monats sind ja schon lange wieder out – sonst wäre er es bestimmt schon oft geworden!

3 Gedanken zu “Knopf im Ohr”

  1. Mist – auch ein weißes Hemd an, aber, puuh, ohne Chino und Status-Boots. Zu den anderen Insignien des männlichen Frühherbstes schweige ich an dieser Stelle….

  2. Hah, Norbert, aus dem Chino-Alter bisse auch raus. So wie ich auch aus manchem. Jeans mit aufgeschnittenen Knien – kannste vergessen. Durchtätowierte Gliedmaßen – auch. Der Alterungsprozess ist in mancher Hinsicht unerbittlich. Wobei ich oft auch einfach froh bin, dass man aus so einigem rausgewachsen ist.

  3. —-wobei die oftmals zu beobachtende Dissymmetrie des mentalen und des körperlichen Alterungsprozesses nach meiner festen Überzeugung ohnehin nicht allein am mehr oder minder gelungenen Einsatz der Chino festzumachen ist. Bin aber bei Dir in Sachen "rausgewachsen" – wobei, man wächst in andere Dinge rein, die auch nicht immer nur dolle sind. Es bleibt eine gemischte Bilanz. Wie so oft im Leben. Solange man nicht den wichtigen Schwaller gibt, ist alles gut….

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