Heidi, deren Welt die Berge sind, bringt mich auch als fortgeschrittene Erwachsene noch zum Weinen. Zuletzt bei einer neuen Verfilmung. Heidi, deren Welt die Models sind, schafft das nicht. Obwohl viele der Ansicht sind, dass das so sein sollte: Wie kann es sein, dass eine Frau, die sich im Vollzeitjob und Alltag ständig über Männermachen- und -seilschaften aufregt, die auch im Jahr 2017 Frauen noch zu degradieren versuchen und am Erfolg hindern, nicht an Heidi Klums Mode- und Modelzirkus verzweifelt? Wegen der Versachlichung des Körpers, des Reduzierens von Menschen auf ihr Äußeres, noch dazu in einer wackligen Phase des Selbstbewusstseins als ungefähr Volljährige oder junge Frau.
Aktuell hat die Schauspielerin Nora Tschirner einen Appell an Heidi Klum gerichtet, sie möge aufhören mit der Sendung, die das Selbstbild und die Körperwahrnehmung von so vielen jungen Menschen störe. Seit vielen Jahren schaue ich „Germany´s Next Top Model“, genauso wie das „Dschungelcamp„. Ist es eine Form des niederen Voyeurismus, die mich dazu treibt? Eine Freude am Fremdschämen oder genau das Gegenteil: zum Glück bin das nicht ich, die sich da gerade so vorführt, sprichwörtlich entblößt? Meine Überlegungen haben noch zu keinem belastbaren Ergebnis geführt. Tatsache ist, dass ich Heidi Klum unterhaltsam finde, zumindest in den sehr zusammengeschnittenen Sendungen. Bisweilen finde ich sie sogar richtig lustig. Die Livesendung am Ende der Staffel lasse ich immer ausfallen, weil Heidi eben keine Fernsehmoderatorin ist, was jede einzelne Sendeminute sehr lang werden lassen kann. Die Hahnenkämpfe zwischen den beiden Heidi beigeordneten Jungs finde ich meistens auch erfrischend (vermisse aber trotzdem den altersweisen Wolfgang Joop und den schrillen Jorge). So ein Gehabe ist schließlich jeden Tag im Büro zu besichtigen; in der Sendung wird dies dann wenigstens mal mit schöner Kleidung jenseits knittriger Hemden und Ärmelschoner-Jacketts präsentiert. Aha, da ist sie also schon wieder, die Oberflächlichkeit! Allerdings geht heute einfach irgendwie alles mit allem zusammen – sogar im Feminismus trägt man jetzt als Zeichen des Widerstands pinkfarbene Mützen mit Katzenohren, wie ich im Spiegel gelesen habe (leider bezahlpfichtig, der Artikel). Richtig schlimm finde ich dann allerdings doch, dass in der Sendung des Schaulaufens ausschließlich von „Mädchen“ die Rede ist. Heidi sagt „meine Mädchen“, bei ihr kann man mit viel Goodwill noch die Campmutti mitdenken, aber wenn irgendwelche wichtigtuerischen Marketingchefs langweiliger Konzerne mit öden Produkten dann bei den Castings auch immer nur von „Mädchen“ reden, finde ich das angesichts Anfangzwanzigjähriger beleidigend.
Letztlich führt Heidi Klums Sendung den Konsum- und Oberflächenwahnsinn, auf dem unser ganzes Gesellschaftssystem beruht, zum Extrem oder reduziert ihn aufs Wesentliche, wie man es nimmt. Wer gut aussieht, hat Erfolg – das gilt nicht nur in der Sendung, das gilt auch bei Bewerbungsgesprächen für jede x-beliebige Stelle. Aktuell wird mal wieder darüber diskutiert, Bewerbungsverfahren in Deutschland zu ändern, weil eben beim klassischen Bewerbungsgespräch völlig subjektiv nach Aussehen und Sympathie und nicht nach Qualifikation entschieden wird. Die Botschaft des Gutaussehenmüssens wird, und das finde ich in jeder GNTM-Staffel immer wieder interessant, quer durch alle Gesellschaftsschichten in unserem Land Mädchen nach wie vor von Kindesbeinen an eingeimpft. Anders ist es nicht zu erklären, dass jedes Mal Frauen aus elitären, gebildeten Umfeldern und solche aus eher düsteren Zonen unserer Städte dabei sind. Erhellend sind in diesem Zusammenhang auch stets die Heimat-Telefonate der Kandidatinnen mit ihren Angehörigen, oft seltsam eifernden pseudo-coachenden Müttern: „Ich hoff, dass du weiterkommsch“, schwäbelt da eine. „Die andere kaschpert so rum, die kann vielleicht ins Micky-Maus-Heft, aber des isch halt koi Model!“ Auch bei den Besuchen eben jener Angehöriger stellt man immer wieder fest: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Mütter treten auf, die stolz darauf sind, dass sie als Schwester der Zwanzigjährigen durchgehen könnten. Sie würden spürbar selbst am liebsten die Highheels unterschnallen und losstapfen, verwirklichen diesen Traum über ihr Klum-Kind und haben es vermutlich auch so geprägt. Also, ich finde, um meine losen Gedankenstränge mal versuchsweise zusammenzuführen, die Wurzeln des Übels der Sendung, das man ihr vorwirft, liegen woanders. Die Heidi bündelt diese Phänomene lediglich in zugegebermaßen oft sehr manipulativer Form. Etwa wenn die Kandidatinnen danach beurteilt werden, ob sie authentisch weinen und dabei aber noch gut aussehen können. Das hat dann sogar mich ein bisschen entsetzt, weil es so hochgradig manipulativ ist, mit tiefen Gefühlen von Menschen so umzugehen. Wer schöner weint, kommt weiter. Was wäre eigentlich, wenn Pro7 eine Staffel mit Männermodels drehen würde? Ob deren Reduzierung auf Sixpack, Bizeps und Knackpo auch solche Wellen schlagen würde? Ich wäre auf jeden Fall dabei, wenn Jungs in Heidis Modelvilla einziehen sollten.
| Es ist nicht überliefert, ob dieses Model gecastet wurde. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.