Männer, die mit Uhren sprechen

Neuerdings denke ich öfters, ach, der Mann hat was gesagt, und frage: „Was hast du gesagt?“, nur um festzustellen, dass er nicht mit mir, sondern mit seiner Uhr gesprochen hat. Der Begriff „Uhr“ ist natürlich viel zu profan in diesem Zusammenhang. Es handelt sich um eine Smartwatch. Wochenlang kreißte der Berg – und gebar eine Smartwatch. Angebote wurden verglichen, Funktionalitäten und Standards ausgewertet, bis schließlich ein chinesisches Produkt das Rennen machte. Ausgerechnet. Die auserkorene Smartie hat ein riesiges Display und kann viel mehr, als einfach nur profan die Uhrzeit anzuzeigen, sie kann irgendwie alles. Mails gehen ein auf der Uhr, Anrufe, selbstverständlich ist sie ein wandelnder Fitnesscoach, obendrein weckt sie den Mann lautlos durch Vibration am Handgelenk, was mir wiederum sehr entgegenkommt. Im Großen und Ganzen finde ich die Smartwatch aber unheimlich. Weil ich mich so schlecht daran gewöhnen kann, dass dieser jahrhundertelang einfach nur vor sich tickende Gegenstand am Handgelenk jetzt eine interaktive Kommunikationszentrale geworden ist. Wie ein Haustier musste der Handgelenkschinese erst in mühevoller Kleinarbeit in die neue vernetzte Geräteumgebung eingewöhnt, mit allem im Haushalt, was auch nur annähernd digital ist, verbunden werden, nur um jetzt wie so eine Art Mini-Stasi sämtliche Vorgänge rund ums Netzwerk und Zwischenmenschliche auf dem Handgelenk des Mannes anzuzeigen. Etwa den: Die Freundin kommt zu Besuch. Wir sind nicht in der Wohnung, Freundin parkt irgendwo an der Straße und wartet. Auf dem Weg von der Haltestelle zur Wohnung kommen wir am Auto der Freundin vorbei. Leer. „Oh, sie sitzt ja gar nicht drin, in ihrem Auto! Wo ist sie denn hin?“, sage ich. „Sie ist gerade bei uns eingetroffen. Hat sich mit dem WLAN verbunden“, sagt der Mann mit Blick auf die Smartwatch. Die mit der Fritzbox verbunden ist. Mir ist das alles zu hoch. Die Freundin sitzt tatsächlich mit ihrem Smartphone auf unserer Terrasse und staunt nicht schlecht darüber, dass sie von der schlauen Uhr aufgespürt wurde, noch bevor wir überhaupt in Sichtweite waren. Ich trage immernoch eine total analoge Armbanduhr, zuletzt vor zwei Jahren eine neue angeschafft, die nix kann außer Uhrzeit. Bei Sommerzeit und Winterzeit reiße ich mir jeweils mindestens zwei halbe Fingernägel ein, weil das Rädchen an der Seite noch genauso bescheuert festklemmt wie ich es noch von der Micky-Maus-Uhr meiner Kindheit in Erinnerung habe. Ich finde das zwar unkomfortabel, aber auch sehr beruhigend. Die Uhr weiß nichts über mich, nicht, wann ich schlafe, ob ich gut oder schlecht schlafe, wann ich Sport mache, ob ich es mit dem Puls mal wieder übertrieben habe (zu lange anaerobe Phasen!), wann und mit wem ich telefoniere und wer gerade im WLAN unterwegs ist. Nichts. Eine sehr dumme Uhr. Ich werde mit dieser dummen Uhr an mir dran in spätestens dreieinhalb Jahren vollends jeglichen Anschluss an irgendwelche technischen Alltagsgadgets und Kommunikationswege verloren haben. Ach, das ist die Harmuth, die ist völlig übergeschnappt, die hat ne analoge Armbanduhr und nen Festnetzanschluss, wird man hinter vorgehaltener Hand sagen. Meinem Mann wird die Smartie bis dahin eine passendere, digitalere Partnerin vorgeschlagen haben, zu der sie ihn via Google Maps direkt bis vor die Haustür gelotst haben wird. Mit der sitzt er dann auf der vernetzten Couch und schickt sich verliebte Nachrichten von Smartwatch zu Smartwatch.

Auch so ein analoger Zeitgenosse.