Mallorca, die Insel der Exzesse

Rasender Schwanzvergleich auf Rädern oder lautstarker Kackvergleich im Flughafenklo: Beides begegnet dem Tramuntana-Wandertouristen, der sich inmitten der gesellschaftlichen Erlebnispole auf Europas beliebtester Urlaubsinsel Mallorca bewegt. Die Party-People-Fraktion ist nach wie vor stark vertreten, poltert schon frühmorgens bei Abflug Red-Bull-gestärkt ins Flugzeug und berichtet auf dem Klo am Rückfluggate von den in der Zwischenzeit erlebten Highlights am Ballermann. Nebenher kabinenübergreifende Konversation über den Fortschritt der Darmentleerung. Geschenkt. Erstaunlich nur, dass über Jahrzehnte ein Publikum nachwächst, das den Balneario 6 und El Arenal gut findet und die schrammeligen Bretterbuden dort immer wieder aufs Neue mit Leben erfüllt. Ein paar Hängengebliebene gibt es auch, Mittvierziger-Männertrupps, die vermutlich versuchen, bei Siebzehnjährigen zu landen und doch noch irgendwie den Sommer ihres Lebens zu verspüren, bevor es ganz herbstlich wird.

Ein neueres Phänomen des Extremtourismus auf Mallorca sind Männer auf Rennrädern. Ein paar Frauen sind auch darunter, aber nicht allzuviele. Stark vertreten die männliche Altersklasse um vierzig, klassisches Midlife-Crisis-Sujet, es gibt aber auch Ausreißer nach unten ins Twenalter sowie nach oben über die Sechzigergrenze. Und es ist ein grenzwertiges Spektakel, das die deutschen, britischen und niederländischen (Franzosen habe ich nicht so oft vernommen, die radeln vermutlich eher in ihrer schönen Provence) Möchtegern-Profipedalisten auf Mallorcas Straßen veranstalten. Ursache des heuschreckenartigen Booms: Die Insel ist traditioneller Trainingsstandort der Profi-Rennradler über die Winterpause. Das hat sich wohl irgendwann herumgesprochen. Rennradreisen-Anbieter begannen, mit den Trainingsstrecken der Profis und Hotelstandorten am Fuße des Tramuntana-Gebirges um Teilnehmer für Rennrad-Gruppenreisen zu werben. Und sie kamen. Alle. Von überallher. Wenn man nun also im April, dem favorisierten Rennrad-Monat Mallorcas, auf der Insel unterwegs ist, kommt man zu Fuß kaum über die Straße und mit dem Auto kaum voran – hier wie da bleibt man in einem beide Fahrtrichtungen umfassenden, nicht abreißenden Strom an Rennrädern stecken. Das kann bizarre Auswirkungen haben, etwa wenn man mit dem Mietwägelchen auf einer engen Serpentinenstraße hinter einer Rennradlertruppe festhängt, die man nicht überholen kann, weil sie zum einen die ganze Fahrbahn belegt und zum anderen in der Gegenrichtung dasselbe Gebilde unterwegs ist: Rennradtruppe mit Auto hintendran. Ein paar ganz Aberwitzige setzen dann von hinter dem Auto zum Überholen mit ihrem Fahrrad an und manövrieren sich durch das fragile Fahrensemble aus Zwei- und Vierrädrigen hindurch. Schreckensbleiche Gesichter, von Touristen wie Einheimischen, blicken einem aus entgegenkommenden Fahrzeugen entgegen. Selbst schaut man wahrscheinlich ähnlich gezeichnet aus. Nein, mit Sport hat das alles nichts zu tun, vor allem nicht mit Sportsgeist. Rücksichtslos rasen die Komplexbeladenen oder sonstwie Gestörten dem Teufel oder ihrer Schwanzgröße davon, gefährden andere, werfen ihren Müll in die Gegend (Stehenbleiben für Getränke, Banane oder Riegel ist was für Pussys, das erledigt man alles wie die Großen während des Fahrens) – beim Wandern kann man dann Straßengräben voller Snickers-, Energieriegel- und Drinksverpackungen bestaunen. Zu Beginn eines Zwei-Kilometer-Stücks an einer Straße entlang sagte ich zum Manne: Mal sehen, ob wir die Hundert vollbekommen. Ich glaube, wir hatten noch keine zehn Schritte gemacht, da waren schon fünfzig Herdenrenntiere mit Getöse an uns vorbeigeradelt.

Vor einem Jahr hatte ich überlegt, selbst eine solche Rennrad-Gruppenreise mit Station an einer der Buchten im Nordosten Mallorcas zu buchen. Ich war während dieses Wanderurlaubs nun sehr froh, das nicht gemacht zu haben. Mein Rennrad steht im Keller, uns verbindet eine Hassliebe, und hätte ich diese Reise gebucht, wäre das Gefühl gewiss in hundertprozentigen Hass umgeschlagen. So bleibt mir noch eine kleine Chance, doch noch Gefallen an einer Freizeitbeschäftigung zu finden, der sehr viele sehr unsympathische Männer huldigen. Ich versuche es mit Fahrtraining bei einem, der schon sehr lange fährt, und vielleicht wage ich mich an Gruppenausfahrten. Die vielen Gespräche und Gesprächsfetzen, die ich auf Mallorca aufgeschnappt habe, lassen mich allerdings Schlimmes befürchten: Es waren sehr viele Kölner darunter.