Riga: prächtig und patzig

Prächtig und patzig. Oder malerisch und mürrisch. Das ist Riga in zwei Adjektiven. Prächtig und malerisch, weil der historische Stadtkern und das Jugendstilviertel aufs Schönste restauriert wurden. Patzig und mürrisch, weil die Einheimischen dermaßen desinteressiert, abgewandt und einsilbig mit Besuchern umgehen, dass es fast schon beleidigend wirkt.

Bei Ankunft am Flughafen werde ich an der mit „Welcome to Riga“ betitelten Touri-Info barsch weggeschickt. Ich bleibe stur stehen, weil ich Bustickets brauche, und werde daraufhin mit dem bösen Blick belegt sowie mit einer im Fahrkartengerät auszutauschenden Papierrolle aggressiv angefuchtelt. Meine Freundin, die schon seit ein paar Tagen in der Stadt ist, findet, das sei ein guter Einstieg gewesen, um mit Riga warm zu werden. Und tatsächlich: In Cafés werden wir ignoriert, schlecht gelaunt oder gar nicht bedient. Es ist noch mehr Geduld und Nachsicht als im Saudade-durchtränkten Portugal erforderlich. In Lissabon allerdings hört man den kummervollen, schmerzdurchweichten Fado, so dass der Tourist ergriffen ist und Mitleid hat mit den still und langsam vor sich hinleidenden Portugiesen, die deshalb eben auch Tabletts nicht so schnell tragen können wie Menschen andernorts in Europa. In Riga sind die Letten einfach nur ruppig. Am Bahnschalter im Hauptbahnhof werden wir schroff abgewiesen mit unserem Anliegen, Tickets nach Jurmala, dem historisch-mondänen Strandbad, zu kaufen. Auf dem großen Marktgelände hinter dem Hauptbahnhof kaufe ich ein Päckchen getrockneter Kamille und habe das Gefühl, mich dafür gleich vom Gelände jagen lassen zu müssen.

Doch gibt es auch Ausnahmen, Gott sei Dank. Ein extrem höflicher, zuvorkommender Kellner, der seine Deutschkenntnisse mit unserer Hilfe verbessern möchte und dessen Versuch, das Wort „Brombeere“ auszusprechen, ich so schnell nicht vergessen werde. Außerdem: eine lächelnde Postkarten-Kiosk-Verkäuferin (ja, das ist tatsächlich erwähnenswert, dass sie lächelte, und ja, ich schreibe noch Postkarten).

Die Letten haben eine schwere Vergangenheit, gerade wenn es um uns Deutsche geht. Muntere hanseatische Kaufmänner aus Lübeck und Bremen kaperten im Schutz der Kreuzzüge der katholischen Kirche so im 12., 13. Jahrhundert die Ostseebucht, gründeten ohne Rücksicht auf die Einheimischen die Hansestadt Riga, aus der sie jene verbannten, sie aber für sich arbeiten ließen und ausnehmend schlecht behandelten, während sie selbst mit den Gütern des Landes, Flachs, Bernstein, Pelz, ihren Reichtum vermehrten. Dies über Jahrhunderte. Noch im späten 19. Jahrhundert war Deutsch Amtssprache. Dann kamen im 20. Jahrhundert die Nazis und machten alles noch schlimmer. 80.000 Verschleppte sind in den Wäldern um Riga verscharrt. Ein Waidgrund des NS-Grauens. Man kann diese Massengräber heute besichtigen, was ich nicht über mich gebracht habe. Ich war in der frei zugänglichen Ausstellung über das Judenghetto, die Konzentrationslager Rigas und die Deportationen – das hat mir schon gereicht.

Das zweite wichtige Besatzervolk Rigas, die Russen, spielt noch heute eine große Rolle, allein was den Anteil an der Bevölkerung betrifft. Außerdem haben sich die wohlhabenden Russen ganze Gegenden wie das schicke Ostseebad-Ensemble Jurmala unter den Nagel gerissen. Also versuche ich den muffeligen Letten gegenüber nachsichtig zu sein, die ewig Unterdrückten im eigenen Land, auch wenn ich finde, dass ich als wirklich harmlose Konzerttouristin mit astreiner polizeilicher Führung, die trotz schwäbischer Abstammung stets großzügig Trinkgeld gibt, nichts für die Verbrechen meiner Vorfahren kann.

Die malerische und prächtige Seite Rigas ist dafür umso begeisternder. Kunstvoll angelegte Kanäle, auf denen man mit kleinen Holzbötchen, wie sie auch durch die niederländischen Grachten schippern, hinweggleiten und sich auf der etwas erwachseneren Düna durchschaukeln lassen kann. Schönste restaurierte Hinterhöfe mit modernen, zu jeder Tageszeit mit einer bunten Mischung aus Einheimischen und Touristen besuchten Restaurants, mit sehr viel Avocado und Healthy Food auf der Karte. In der prachtvoll angemalten historischen Innenstadt und dem mit fantastischen, fantasievollen Fassadenfratzen verzierten Jugendstilviertel hingegen sind tagsüber die Touristen unter sich. Doch ist alles recht entspannt, das viele Grün – Parks, Anlagen, alter Baumbestand – und Wasser in der Stadt lockern die Menschenströme auf. Und es ist eben nicht alles hergerichtet – es gibt viele Gebiete in der Stadt, die noch den rußigen, alten, vergilbten Ostcharakter verströmen, und das Straßenpflaster, das ist auch sehr ostig. Bei Regen bilden sich tiefe, ozeangroße Pfützen, bei Sonne stolpert man über die uneben umherragenden Pflastersteine. Die einheimischen Damen tragen dem trotzend schwindelerregend hohe Schuhe auf Stiletto-Absätzen. Es gibt auf überschaubarem Raum viele verschiedene Gesichter dieser Stadt Riga zu entdecken.

Am letzten Tag wollen der Mann und ich einen Ausflug in die Schlösser- und Burgenstadt Sigulda machen. Wir kaufen Tickets, wir wissen jetzt an welchem Schalter, fragen sicherheitshalber nochmal nach dem Bahnsteig, weil wir ebenfalls seit Jurmala wissen, dass das nicht selbsterklärend ist mit Destinationen, Abfahrtzeiten, Bahnsteigen und Gleisabschnitten. Wir scheitern dennoch. Wir warten geduldig an Gleis 1, Abschnitt 11 auf unseren Zug, über uns läuft eine Anzeige mit „Sigulda“ durch. Leider fährt der Zug hinter unserem Rücken aus Abschnitt 12, ohne uns, getarnt als Zug nach Valga. In unserem Abschnitt kommt der Zug aus Sigulda an und endet dort. Gut, wir werden also keine Schlösser und Burgen sehen, sondern uns einen weiteren Tag durch Riga treiben lassen. Nur einmal werden wir noch so richtig lettisch unfreundlich bedient an diesem Tag. Oder wir haben uns an den Umgang à la Riga nach ein paar Tagen doch gewöhnt.

Bunte Wappen, bunte Blüten: das herausgeputzte Riga

eine Gasse von vielen in der malerischen Innenstadt

Kanal mit Park mitten in der Stadt, Flecken wie diese gibt es viele

Ganz schön ostig geht es aber auch – wie hier hinter dem Hauptbahnhof

aus der Zeit gefallen: der Zug, der uns nach Jurmala an den Strand brachte

Architektonische Gegensätze: Alt trifft neu in Jurmala

Lettische Strandnixen-Sandkunst