Süßer die Glocken nie klingen: nicht die an Weihnachten, nicht die im Kirchturm, sondern die von Kühen, Schafen und Ziegen im Urlaub auf der Alm. In Südtirol haben sie dieses Jahr sogar bis Anfang Oktober geklingelt und jede Wanderung im Schnalstal und Obervinschgau untermalt, im Allgäu und Kleinwalsertal ist schon Mitte September Schluss und man schreitet um diese Zeit durch stille Hänge. Diese verlängerte tierische Gesellschaft ist außer dem stabileren Wetter ein Grund, im Herbst in Südtirol unterwegs zu sein und nicht nördlich der Alpen.
Die einzige Frage, die sich morgens nach dem Aufstehen stellt, ist: Wie warm muss ich mich anziehen? Ansonsten ist ein Wanderurlaub völlig sorgenfrei. Um die Route hat man sich vorher Gedanken gemacht, um den Weg dorthin auch, am besten kann man ohne große Anreise direkt losgehen, die Schuhfrage ist ebenso geklärt wie die nach der Tasche (Wanderstiefel und Rucksack), es ist egal, ob man die Haare gewaschen hat oder nicht und wie sehr das Shirt vom Vortag schon müffelt. Riegel, Nüsse, Karte, Wasser, Handschuhe und ein Fleece, mehr braucht es nicht, um sich gut gelaunt für die Herausforderungen des Tages gerüstet zu sehen. Man wird den ganzen Tag draußen herumlaufen, mal mehr, mal weniger reden, meistens weniger, einen Fuß vor den anderen setzen, mit etwas Glück zwischendurch eine schöne Einkehr haben, abends fällt man wohlig erschöpft ins Bett und schläft wie ein Murmeltier. Von denen man tagsüber viele am Hang hat pfeifen hören und manche auch auf ihren Aussichtsplätzen hat sitzen sehen. Wenn man sich weiterbilden möchte, versucht man sich neue Vogelarten oder Pilzsorten zu merken, nachdem man sie mühevoll versucht hat zu bestimmen. Auch die kulinarischen Kenntnisse lassen sich durch Rauf- und Runterprobieren der ausladenden Digestif-Angebote von A wie Apfel über E wie Enzian und M wie Marille bis Z wie Zwetschge verfeinern. Die Tage sind randvoll, angefüllt mit Eindrücken, An- und Aussichten und Begegnungen, weit überwiegend mit unterschiedlich gezottelten Vierbeinern statt mit funktionsbekleideten Zweibeinern, und auch diese Zufallsbegegnungen sind stets reizvoll – schließlich hat man ein alle verbindendes, alles bestimmendes Gesprächsthema: das gemeinsame Hobby, den Berg. Die schönsten Wanderungen haben der Mann und ich dieses Jahr spontanen Abweichungen von der Route durch Tipps anderer Wandernder zu verdanken: Geht nicht hier herunter ins Tal, nehmt den Weg 15 auf der anderen Seite des Hanges, der euch über schöne Aussichten und Almwege ins Dorf bringt. Steigt nicht vom Nachbarort über die Route, die in allen Wanderführern steht, auf die Spitzige Lun, lasst euch ins stille Planail bringen und geht von dort einsam stundenlang steil auf schönsten Pfaden durch den Lärchenwald.
Die Tage ziehen nicht konturlos, eintönig und im Alltagsgrau versumpfend an einem vorbei, sondern lassen sich anhand der unterschiedlichen Wege, Touren, Aussichten und Naturphänomene in bunt schillernden Farben voneinander unterscheiden – mal ist es der in unwirklichem Türkis leuchtende Stausee in Vernagt, mal der in grellem Weiß strahlende Ortler, der, mächtig, wie ein riesiges schlafendes, mit einer dichten Schneepelzschicht überzogenes Tier, das einem den Rücken zudreht, alles überragt, mal ist es das dunkel-verhangene Grau-Grün im Unterholz dichter Wälder, aus denen die Brunftrufe der Hirsche dringen, was den Tag prägt und in der Nacht die Träume nacherzählen lässt. Das Draußensein, das Bei-sich-Sein, das nur durch Bewegung, Luft und Atmen Glücklichsein, das ist das Wandern in den Bergen, das mir Herz und Seele erfüllt – und das mich nach jedem Urlaub dort, beim Wegfahren, beim stetigen Schrumpfen der Gipfelriesen, bis sie schließlich ganz der Ebene gewichen sind, trauern lässt. Denn im Alltag ist: nichts davon.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.


