Brügge sehen und weinen

Brügge ist ein beschauliches, bei Touristen überaus beliebtes belgisches Städtchen. Der Film „Brügge sehen und sterben“ von 2008 hat es in den Jahren der Pre-Insta-Ära schon populärer gemacht, mittlerweile ist es Insta-geflutet von Menschenmassen, die alle simultan dasselbe fotografieren und filmen (Glockenspiel Belfort; mit buntem Zuckerblödsinn dekorierte, sahnebehaubte Waffeln). Mein zweiter Besuch dort verlief überaus tränenreich, daran waren allerdings nicht die Insta-Touristen schuld.

Der Mann und ich reisen diesmal mit der Bahn statt mit dem Auto nach Brügge. Das Hotel liegt zentral, wir brauchen das Auto vor Ort nicht, Parken ist unverschämt teuer, die Bahnverbindung gut und einigermaßen günstig – also rattern wir in wie immer überfüllten Zügen von Köln über Lüttich nach Brügge. Dort angekommen, hievt der Mann das Köfferchen aus dem Gepäckfach über uns. Und seinen Rucksack. „Wo ist denn deine Tasche?“, fragt er. „Na nebendran!“, antworte ich. Bevor ich meine übliche Lamentiererei starte, von wegen Männer, die nie die Butter im Kühlschrank sehen und überhaupt, keine Augen im Kopf undsoweiter, sage ich lieber mal nichts, stehe auf und gucke selbst: ins Leere. Meine Tasche ist weg. In dieser Tasche befinden sich meine Spinningsachen, die Schuhe, die Sportklamotten, Wechselklamotten, Alltagsklamotten, Flip-Flops, Handtücher, alles was man halt vor, beim und nach dem Schwitzen auf dem Spinningrad so braucht. Mir wird heiß und kalt, meine Tasche mit den teuren Sachen weg, und jetzt müssen wir schnell aussteigen, sonst bin ich auch noch weg oder da, wo ich nicht sein sollte, so wie die Tasche.

Draußen auf dem Brüggeschen Bahnsteig brechen erst einmal Sturzbäche mit von Enttäuschung, Erschütterung, Schreck und Selbstmitleid gespeisten Tränen aus mir heraus. Das dauert ein paar Minuten. Der Mann kennt mich nun ja schon ein paar Jahre, dementsprechend kennt er auch die Neigung zum Schreckweinen. Er steht das tapfer durch. Frau fest in den Arm nehmen, stoische Ruhe und „Fels in der Brandung“ ausstrahlen, die fragenden Blicke von Passanten ignorieren und abwarten, bis das am Jackenrevers klebende verrotzte Bündel Restweiblichkeit sich irgendwann wieder beruhigt. Taschentuch reichen.

Wieso schleppt die Harmuth ihr Spinningzeug mit nach Brügge, mag sich der geneigte Leser, die geneigte Leserin fragen? Hat sie ihre Specialized-Schuhe, den Castelli-Suit und die gepolsterten Sportsocken so lieb, dass sie damit in Brügge den Belfried hochsteigt? Sich für eine romantische Grachtenfahrt damit im November in ein dachloses Boot, in das es reinnieselt, setzt? Nein, da kann ich beruhigen. Ganz so schlimm ist es noch nicht. Die Sportklamotten waren dabei, weil ich zu einem Spinningevent in der Nähe von Brügge angemeldet war und der Mann und ich den Städtetrip drum herum gebastelt hatten. Was allerdings gleich das nächste Problem umreißt: ohne Spinningequipment ist die dortige Teilnahme passé.

Ich rufe den Organisator des Spinningevents an, Geert, und reiße mich zusammen, um bei ihm nicht auch gleich wieder loszuheulen. Es klappt. Und die Geschichte nimmt eine unerwartete Wendung: Geert und sein deutscher Spinningkumpel Udo, der mit im Auto sitzt und mithört, wollen von mir alle Größen von oben bis unten wissen, kritzeln mit und sichern mir zu, alles zu besorgen. Ich soll einfach zum Event kommen wie geplant, klappt dann schon alles. Und es stimmt – die beiden suchen aus Merchandising-Artikeln, den Kleiderschränken angeheirateter oder befreundeter belgischer Spinningfrauen und sonstwo alles zusammen und packen es in eine Sporttasche, die mir bei Ankunft ausgehändigt wird. Ich sehe zwar im Sportdress jetzt ironischerweise selbst aus, als hätte ich mir alles zusammengeklaut – aber, hey, immerhin habe ich was zum Anziehen! Und kann mitstrampeln! Danach geht es mir wie immer sowieso viel besser, ich schwebe, die Welt der diebischen Elstern, osteuropäischen Banden und sonstigen Idioten da draußen kann mich mal. Ich gebe wie vereinbart die Sporttasche mit jetzt verschwitztem Inhalt wieder ab und freue mich darüber, dass die Sache mit Yin und Yang doch irgendwie stimmt. Zumindest in Belgien.