Für F.

Mit seinem knallgelben, verschrammten, alten Integralhelm saß F. auf dem Rennrad. Damit fiel er unter den ganzen durchgetunten und durchgestylten stromlinienförmigen Lifestyle-Helmträger-Rennradlern mit ihren letzter-Schrei-Gadgets und grammgenau ausgetüftelten Settings sehr auf. War ihm egal. Ansonsten legte er auch nicht viel Wert auf Äußeres, auf den Schein. F. radelte unbeeindruckt Tausende Rennradkilometer im Jahr, ohne viel Aufhebens. Jetzt ist er einfach gestorben, innerhalb von einer Woche, so dezent, ruhig und ohne viel Tamtam, wie er eben so war. Und ich kann es nicht fassen.

Einfach so kann man sterben, ohne Unfall, ohne Krebs, ohne chronische Vorerkrankung. Man landet mit einem Virusinfekt, der Herz und Gehirn angreift, auf der Intensivstation, dort schlagen die Medikamente nicht an und dann ist es innerhalb weniger Tage vorbei. Zack, aus. F. war ein genügsamer, freundlicher Mensch, das Herz am rechten Fleck, nicht viele Worte, dafür Taten. Letztes Jahr war ich mit ihm im Rennradurlaub. Für mich beschloss dieser Urlaub jegliche Ambitionen, mich in diesem menschlichen Leben im Rennradsattel gut aufgehoben zu fühlen. Für F. war auch das nicht groß der Rede wert, trial and error. Abends nochmal schön zusammen gegessen und einen Grappa getrunken. Harmuth reiste am nächsten Tag mit umgebuchtem Flug verfrüht ab, F. blieb, schraubte am Ende des Urlaubs in Italien ihr Rennrad auseinander, lud es zusammen mit seinem eigenen und dem seiner Lebensgefährtin in den Kofferraum und fuhr es den langen Weg von Chiavari nach Köln bis vor Harmuths Haustüre. So war der F. Jetzt lebt er nicht mehr.

Lieber F., Menschen wie du sollten nicht mitten im Leben sterben müssen. Die Welt braucht Menschen wie dich. Die, die man nicht um sich haben möchte – die schon gar nicht auf die Idee kämen, uneitel mit einem alten, gelben Helm, mit dem man aussieht wie ein Science-Fiction-Star der 1970er Jahre, durch die Welt zu radeln, die einem erst recht nicht Rennräder durch Europa transportieren würden – die werden 120.

F., ich vermisse dich. Die Welt ist ein schlechterer Ort ohne dich.

Der gelbe Helm, der bleibt. Er war auch bei der Trauerfeier dabei.