Im Park steigt das Konzert. Vielmehr: startet das Spektakel. Die Parkanlage Lucavsala vor den Toren Rigas füllt sich mit 45000 Menschen, die sich vor einer Bühne versammeln, die aussieht, als wäre hier ein großes, dunkles Raumschiff aus einer fernen, finsteren Galaxie an der Düna gelandet. Die ebenso düster gekleideten Massen werden in überfüllten Sonderbussen angekarrt – im Vergleich zu den Kölner Verkehrsbetrieben beim Metallica-Konzert bekommen die lettischen Busfahrer das Fan-Fahrgastaufkommen bestens geregelt.
Auf dem weitläufigen Parkgelände herrscht entspannte Stimmung, obwohl der Bierpegel unter den Besuchern recht hoch ist. Der Mann und ich lassen uns seitlich von der Bühne auf einem baumbewachsenen Hügel mit Getränkebuden- und Toilettenhäuschen-Infrastruktur nieder. Da es keine Bildschirme gibt, werden wir von den phantasievoll verkleideten Protagonisten und ihren mit umgeschnallter Pyrotechnik verfeinerten Inszenierungen nicht viel sehen. Aber hören!
Rammstein lässt es krachen, die Bühne bietet Specialeffects mit Licht und Feuer, die ganze Gebäude aus Strahlen und Wolken in den Abendhimmel malen. Die Band mischt in einer ausgeklügelten Setlist Songs vom aktuellen Album mit ihren Evergreens. Die Stimmung wird bis zum Finale mit dem Track „Rammstein“ immer besser.
Gegen Ende des Konzerts tritt die Vorband nochmal mit Rammstein gemeinsam auf: zwei französische klassische Konzertpianistinnen aus Nizza. Sie begleiten das ansonsten nur als Vocal gebotene „Engel“. Es ist seltsam, eine gewagte Kombi, die lärmende, rollende, polternde, machtvolle Gitarrenmusik von Rammstein als Sonntagsbrunch-Klaviergeklimper zu hören. Man verzeihe mir – französische klassische Konzertpianistinnen „klimpern“ sicherlich nicht. Ich liebe die Donnergewalt der brachialen Gitarrensounds, das fehlt mir da ein wenig.
Für die Einwohner Rigas war das Konzert auch ein Erlebnis, ohne dass sie hätten beim Konzert selbst dabei sein müssen. Von Samstag an – dienstags war das Konzert – bevölkerten immer mehr schwarz bekleidete, dunkel behangene Menschen die Stadt. Überwiegend deutschsprachig. In kleinen Männergruppen, in großen Männergruppen, in gemischten Gruppen und oft als Paar: gefühlt ist die Stadt Riga tagelang voller deutscher Rammstein-Fans. Als solcher gibt man sich ebenso offenherzig wie freiwillig zu erkennen: Die meisten tragen Rammstein-Shirts vergangener Tourneen. Ein Distinktionsmerkmal. Ich bin schon so und so lange dabei, und du? Am Tag nach dem Konzert dominiert das Lucavsala-Konzertshirt unter den Fangruppen und damit das Stadtbild.
Rammstein live zu sehen, hat sich absolut gelohnt. Auch wenn einen der bei einem Konzert in Paris vor einigen Jahren entstandene Film viel näher bei den Musikern und ihrer Inszenierung sein lässt. Musik live zu hören, mit so viel Druck, Wucht und Bass, unter freiem Himmel, ist etwas Besonderes. Noch dazu in Riga, wohin zu reisen Rammstein auch einen Anlass geliefert hat. „Was sollte man auch sonst hier!“, sagt am Nebentisch in einem der Cafés auf dem Domplatz ein Riga-Rammstein-Reisender.
Ruhig und flott geht es nach dem Konzert mit dem tadellos funktionierenden Shuttle-Busverkehr zurück in die Stadt. (Liebe Kölner Verkehrsbetriebe, bitte macht einen kollektiven kommunalen Bildungsurlaub in Riga!) Das fulminante Spektakel aus Licht, Feuer und Sound wirkt noch lange im vibrierenden Herzen nach und Songfetzen wabern durchs Gehirn und Gemüt. Bei manchen Konzertbesuchern sogar richtig lange: Als der Mann und ich tags darauf am Nachmittag durch die Stadt flanieren, steigt eine Frau aus einem Taxi. Lange lila Haare, schwere Stiefel, Hotpants und ein schwarzer, knöchellanger Spitzenmantel – die dunkle Ausgabe von Lady Gaga war mir schon vor dem Konzert in den Massen aufgefallen. Vielleicht hat sie als Groupie die Nacht plus den darauffolgenden Tag zu ihrem besonderen Rammstein-24-Stunden-Erlebnis gemacht.
Ich wäre für sowas zu jedem beliebigen Zeitpunkt meines Lebens zu müde gewesen. Nach 1 Uhr falle ich tief erfüllt ins Bett: wieder einen Punkt von der Lebensliste erledigt und live bei Rammstein gewesen. Vielleicht gibt es eine Fortsetzung: 2020 sind die Krachmacher wieder auf Tournee – und es gibt noch Tickets für Tallinn…
![]() |
| Weit weg von den Stars, dafür eine Bühne wie in den Sternen |
![]() |
| Da sieht das Raumschiff eher aus wie eine Kirmesbude |
![]() |
| Hinter der sehr strengen Sicherheitskontrolle am Eingang wurden – fun fact – Feuerzeuge verteilt. Tatsächlich wurden dann aber wie in den analogen Zeiten die statt der Smartphones geschwenkt |
![]() |
| Das Raumschiff kann auch Grün! Zu „Du riechst so gut“ |
| Wie eine Kathedrale steht die Bühne in der Nacht |
| Schwere Jungs inmitten floraler Deko in einem Innenstadt-Café… |
|
|||||
| … und am Flughafen. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.




