Die Geschichte von der Feuerwehr, die eine verängstigte Katze aus dem Baum holt, ist ein Evergreen. Neu ist die Geschichte von der Polizei, die Mucki aus der Wohnung meines irren Nachbarn holt. Mucki ist ein riesiger schwarzer Kater, der vor einigen Jahren auf der Terrasse auftauchte, seither regelmäßig vorbeischaut, frisst und auf der Couch abhängt. Was Katzen halt so machen. Manchmal gabele ich ihn auf dem Nachhauseweg irgendwo ein paar Straßenecken weiter auf und er läuft dann treu neben mir her und bringt mich nach Hause.
Seit ein paar Tagen war Mucki mal wieder verschwunden, und da ich zurzeit ja sehr viel und sehr ausgiebig Zeit zu Hause verbringe und der Kater mit mir, fiel das mehr auf als sonst, wenn man selbst gefühlte 20 von 24 Stunden des Tages nicht zu Hause ist. Ich hegte schon länger den Verdacht, dass der Bekloppte in der Wohnung über uns den Kater einfach einkassiert, wenn ihm danach ist. Heute Nacht um vier höre ich halbwach auf dem Weg vom Bad zurück ins Bett den Kater jämmerlich jaulen. Eindeutig, das ist Mucki. So wie er mich auf der Straße erkennt, erkenne ich sein Maunzen.
Also im Schlafanzug durchs Treppenhaus, Schellen, Klopfen. Ich höre, wie der Irre versucht, sich geräuschlos durch die Wohnung zu bewegen, was ihm nicht gelingt. Ich spreche durch die Wohnungstür, er möge bitte den armen Kater freilassen und die Tür aufmachen. Sagen wir so, als Verhandlungsperson in Gefangenensachen wäre ich nicht so gut. Die Tür bleibt verschlossen. Immerhin kommt der Kater an und maunzt nun von der anderen Seite der Tür. Ich draußen, er drinnen. „Mucki!“ – „Miau!“ – „Wie bekomme ich dich denn jetzt da raus?“ – „Miau?“. Ich rufe die Polizei an. Tatsächlich stoße ich auf jemanden, der Mitleid hat und eine Streife vorbeischickt. Ich verdränge den Gedanken, dass die einen Notarzt mit Beruhigungsspritze dabeihaben und mich mitnehmen, weil sie mich für komplett durchgeschossen halten. Stattdessen erkläre ich einem Polizisten und einer Polizistin die Lage. „Ja, Frau Harmuth, wie sollen wir Ihnen denn da jetzt helfen?“ – „Bitte einfach hochgehen und klingeln. Ihnen macht der die Tür auf, weil er obrigkeitshörig ist. Und dann kann der Kater raus.“
So war es dann auch, wenn auch mit Hindernissen. Der Irre wollte nämlich den armen Mucki, den er zwischenzeitlich ins hinterste Zimmer der Wohnung gesperrt hatte, nicht rausrücken. Er habe ihn „prophylaktisch einbehalten, um mit ihm zum Tierarzt zu gehen.“ Vermutlich versuchte er da mit Polizeijargon zu punkten. Zudem verstrickte er die Konversation wie eine Seidenspinne in Nebenfäden, das ist sein Spezialgebiet – „Sprechen Sie nicht immer von Ihrem Mann, das ist Ihr Lebensgefährte!“ – „Nein, das ist mein Mann, wir haben vor vier Jahren geheiratet!“ – „Ach, das ist mir neu!“ – „Das geht Sie auch nen Scheißdreck an!“ Als Mucki schließlich mit erhobenem Schwanz auf mich zu marschierte und mit mir durchs Treppenhaus nach unten ging, rief der Irre mir hinterher, wir würden den Kater ja nur mit billigem Industriefutter füttern und das sei völlig unverantwortlich. Möge dieser Kater doch bitte endlich einfach einmal seine Klauen und Krallen benutzen, wenn der Irre sich ihm nähert! Kennt jemand einen Katzen-Coach?
Update: Der arme Mucki, der kleine Muck, hat Krebs. Und zwar so bösartig, so fortgeschritten und so unheilbar, dass ich jetzt noch so viel Zeit wie möglich mit ihm verbringen und ihn dann nur noch einschläfern lassen kann. Der Tierarzt sagte im unnachahmlich ärztlichen Pragmatismus: „Um das Geschwür herum muss man in alle Richtungen drei Zentimeter Platz lassen. So viel Katze haben wir gar nicht, wie wir da vor allem nach innen bräuchten.“ Tja, Mucki. Lass dich auf deine letzten Tage wenigstens nicht mehr vom Irren einsperren.
| Endlich einmal Katzenfotos in diesem Blog, wie es sich für anständige Internetbeiträge gehört! |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.