Rennrad, vom Trauma zum Flow: RTF!

RTF steht nicht für: Read the fucking (manual or whatever), RasenTrimmFräser oder Rhabarber-Tartelettes, flambiert. Es steht für: Radtouristikfahrt. Nach vielen, vielen Episoden mit meinem Rennrad, die mich zweifeln, zaudern, (ver-)zagen ließen, schließe ich nach dieser erstmaligen Teilnahme an einer RTF vielleicht doch noch Frieden mit dem feschen Flitzerad. Zuletzt versuchte ich es mit einem Rennradtraining für Gruppenfahrten, das endete in einem ziemlichen Desaster.*

In Deutschland gibt es ungefähr an jeder Straßenlaterne einen Rennradverein, und die meisten dieser Vereine halten was auf sich und richten einmal jährlich eine ehrenamtlich organisierte RTF aus. Startgebühr von wenigen Euro, jeder kann mitfahren, es gibt unterschiedliche Streckenlängen und -anforderungen. Antreten, losradeln, durch die Landschaft pacen, (endlich!) ohne sich Gedanken um die Route zu machen und an jeder Kreuzung zu fürchten, den entscheidenden Abzweig zu verpassen. Überall haben die fleißigen RTF-Heinzelmännchen Schilder und Pfeile aufgehängt, denen man blindlings hinterherstrampelt und an Streckenposten auch noch von gutgelaunten Vereinsmitgliedern mit Wasser, Eistee, Kaffee, Süßkram und Obst versorgt wird. Frauen sind auch bei der RTF, ebenso wie in den Radsportvereinen, ganz klar in der Unterzahl. Rennradfahren ist eine Männerdomäne. Während die Unterwegsstreckenmänner es kaum verkraften, dass die Uschi im grünen Blümchenradtrikötchen an ihnen vorbeizieht (wofür mache ich seit Jahren Spinning, Jungs, das versteht ihr auf euren Rennrädern einfach nicht – jahrelanges Spinningtraining macht unfassbar fit, ich kann es ja manchmal selbst kaum glauben), sind die Verpflegungsstationmänner umso netter und tragen mir sogar hingebungsvoll eine Haribo-Box hinterher.

Der Mann und ich rauschen und schnaufen durchs Bergische Land, er vertraut mir blind und saust mit mir eine schöne Abfahrt hinunter. Unten angekommen drehe ich am Kreisverkehr eine Runde, auf der Suche nach dem nächsten Pfeil. Keiner da. Eine Erkenntnis reift heran: Wo kein Schild, da keine Strecke, wir haben unterwegs wohl einen Abzweig übersehen. Wir radeln die ganze herrliche Abfahrt also wieder hinauf, was nicht so unbeschwert und befreiend ist. Paar Höhenmeter extra. Immerhin finden wir die Route wieder – das ist mit unseren selbstnavigierten Touren meistens nicht der Fall. Also, die nächste RTF ist fest eingeplant. Schon nächstes Wochenende.

*Kurvenfahren, Flaschentauschen während des Fahrens, Handzeichen, Parallelfahren, Festhalten, Umdrehen – hat alles funktioniert beim Rennradtraining. Auch zu zweit mit Beachten und Üben dieser tausend Sachen eine Tour zu fahren hat funktioniert. Was dann leider gar nicht funktioniert hat, war mit mehreren im Peloton zu fahren, mehr oder weniger Reifen an Reifen, Hüfte an Hüfte, links der Feierabendverkehr, rechts der Bordstein, dazu Handzeichen, Rufe, Ausweichen, Ampel, Aufschließen, alles gleichzeitig. Beim Üben des Führungswechsels an der Spitze, dann mit drei Rennrädern nebeneinander auf der Bundesstraße im Feierabendverkehr, fühlte ich schon beginnendes Herzrasen. Harmuth im Stress. Ein paar Kreuzungen weiter brennen mir dann endgültig die Sicherungen durch und ich stehe heulend am Straßenrand. Die altgedienten Rennradschergen sind ratlos, was mit der nervenzerrütteten Peloton-Bloody-Beginnerin anzufangen sei. Sie entschließen sich dazu, und das finde ich immer noch sehr selbstlos und rührend, mich quer durch die Stadt nach Hause zu begleiten und auf ihre eigentlich geplante Tour an diesem Abend zu verzichten. Chapeau. Und genutzt hat die Erfahrung trotzdem: Ich konnte die ganzen gelernten Verhaltensweisen prima bei der RTF anwenden!

Helm auf, Startnummer dran, kann losgehen. Leider ist die Startnummer sehr schnell aus der Hülle davongeflattert und ich habe jetzt Rostflecken von den Sicherheitsnadeln im weißen Trikot. Man lernt nie aus. Andere hatten die Nummer an den Sattel geklemmt oder an die Hüfttasche. Viele andere waren allerdings offensichtlich ebenso schusslig wie ich, erkennbar an den die Strecke säumenden Startnummernzetteln.

Bisherige Erlebnisse mit dem teuren Gefährt:
Mallorca, die Insel der Exzesse
Zweirädriges Weltraum-Insekt
Rasender Marquis statt Rennradfieber
Die schillernde Welt der Fahrradkette
Das erste Mal Rennradfahren

Update:
Uwe hat mich auf eine lustige Rennradserie bei WDR 5 hingewiesen: z. B. „Flink in Pink“ oder „Bester in Polyester“. Fünf hörenswerte Episoden.